Streaming Shiva
von Marlena Corcoran, www.marlenacorcoran.com

Es scheint das unhinterfragte Kriterium von fortgeschrittener Streaming Video Technologie zu sein, dass wir auf die schnellste und möglichst naturalistische (das heißt: realistisch im Sinne des neunzehnten Jahrhunderts) Bildübertragung abzielen. Doch indem wir die Übertragung problematisieren, wenden wir unsere Aufmerksamkeit auf das Medium, statt es im Bewusstsein des Publikums auszulöschen. Die Thematisierung des Mediums interessiert mich sowohl hinsichtlich der Technik zur Herstellung visueller und auditorischer Effekte, als auch in konzeptueller Hinsicht. Das Medium erinnert uns daran, wie der menschliche Verstand operiert.

Vor kurzem habe ich mich in die Streaming Video Übertragung eines Symposiums eingeschaltet, das in New York in Location One (http://www.location1.org) stattfand. Verschiedene Kritiker und Künstler saßen an einem Tisch und diskutierten über die neuen Medien. Der Ton der Übertragung war gut hörbar. Auf Grund einer Panne erneuerte sich das Bild jedoch recht langsam und auf eine sehr pixellierte Art und Weise. Das "übriggebliebene" Bild sah man mehr oder weniger gleichmäßig über den Bildschirm verteilt. Das führte dazu, dass etwa ein Drittel der Pixel sich in Position eins befanden, während ein anderes Drittel von Pixeln nach Position zwei hinüberwechselten und sich ein weiteres Drittel in dieser Zeit nach Position drei verschoben hatte. Das Resultat war, dass ich drei oder mehr Bilder des Kunstkritikers Michael Rush auf dem Bildschirm hatte. Seine Hände befanden sich gleichzeitig in einer Reihe unterschiedlicher Positionen - wie die der vielarmigen Gottheit Shiva - während er leidenschaftlich die Bedeutung von Ideen in der Kunst wie in der Kunstkritik vertrat.

Ich dachte an die faszinierende Fähigkeit des menschlichen Geistes, Bild- und Sprachlücken ausfüllen und so überbrücken zu können. Doch ist unsere Fähigkeit, ein Bild auf Grund von beschränkter oder sogar konfligierender Information zusammenzustellen, weitaus erfolgreicher als unserer Fähigkeit, in ähnlicher Weise lückenhaften Klang zu ergänzen. Wenn verschiedene Klänge nur teilweise, bzw. gleichzeitig mit anderen konfligierenden Klängen vorgelegen hätten, wäre mir nicht klar geworden, was Herr Rush sagte.

Diese und ähnliche Erfahrungen inspirierten mich dazu, die Manipulation der Übertragung von Videomaterial als eine Technik und nicht als ein Versagen zu betrachten. Eine Möglichkeit, diese "Versager-Effekte" zu erzielen, bestünde darin, gezielt falsche Einstellungen für das Streaming von Video zu wählen. Denn ist es nicht wesentlich interessanter, Streaming Shiva anzusehen als redende Köpfe?

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