Multiple Story Environments/LOCATION BASED NARRATION
Gedanken zu einer neuen Erzählform
von Horst Konietzny

Auf der Suche nach Anwendungen für die Möglichkeiten der UMTS Technologie spielen ortsbezogene Dienste eine große Rolle. In den so genannten Location Based Services hofft man eine der Anwendungen zu finden, die UMTS rentabel machen. So soll der geortete Handynutzer beispielsweise auf kürzestem Wege zu seiner Lieblingspizza geführt, vor dem Stau gewarnt oder ins wärmste Hotelbett gelegt werden.

Aber die Möglichkeiten der Satellitenortung helfen nicht nur mit, den letzten Winkel unter dem (bisher noch freien?) Himmel mit Konsumherrlichkeiten zu bedecken, sondern bieten die technischen Voraussetzungen zu einer neuartigen Kunstform: Der Gestaltung von ortsbezogenen Geschichten, die aus Passanten Mitspieler machen oder sie als Nutzer, Hörer, Konsumenten zumindest tiefer in ein fiktionales Geschehen eintauchen lassen, als dies in anderen Medien möglich ist. Fiktionen im öffentlichen Raum verfremden die gewohnte Umwelt und lassen ihre Rezipienten in neue KonTEXTE eintauchen.

Das verführerische an der Idee ist die breite Palette möglicher Anwendungen von kontextabhängigen Erzählungen. Ob man sich nun vorstellt, mit einem spannenden Hörspiel, das im realen Raum spielt, Anwohner zur veränderten Wahrnehmung ihres gewohnten Lebensumfelds anzuregen. Ob man Touristen auf unterhaltsame Weise zu Sehenswürdigkeiten führt und auf dem Weg ganz beiläufig Stadtgeschichte erklärt. Oder ob man auf einem unpersönlichen Universitätsgelände Gefühl für Zusammenhänge schafft und spielerisch Vernetzung erzeugt - die Geschichten liegen im wahrsten Sinne auf der Straße und warten darauf, eingesammelt zu werden.

Trotz der reizvollen Möglichkeiten in diesem Bereich, den ich als LOCATION BASED NARRATIONS bezeichnen möchte, befinden sich die Versuche auf diesem Gebiet noch in den Kinderschuhen.

In Deutschland beschäftigt sich beispielsweise der Hamburger Medienkünstler Stefan Schemat schon seit längerem mit der Entwicklung von, wie er es nennt, "Augmented Reality Fiction" [1]. Er hat das System und die Idee zu seinem begehbaren Roman "Infektion" bei unserer Veranstaltung "Desperat Disparata" im Dezember 2001 vorgestellt (siehe Dokumentation im Bereich Labor/Projekte [2]). Die Realisation seiner Geschichte für ein größeres Publikum wird gegenwärtig noch durch den erforderlichen Laptop im Rucksack jedes Hörers erschwert. Man darf aber gespannt sein, was weiter passiert.

Auch das legendäre MIT Media Lab in Massachusetts arbeitet an der Entwicklung ortsbezogener Erzählformen für öffentliche Räume. Hier legt man den Schwerpunkt auf die Arbeit mit Video und scheint bei der Lösung technischer Probleme recht weit gekommen zu sein. Zumindest wurde auf der ACM Multimediakonferenz in Juan Les Pins vom vergangenen Dezember [3] ein probates Werkzeug zum Erstellen kontextbezogener Multimediaanwendungen vorgestellt. Mit dem "M-Studio" genannten System wurden bereits verschiedene Produktionen realisiert:

[bild]Mit "Mind in Hand" 2002 beispielsweise hat die Projektgruppe um Glorianna Davenport eine Produktion für Pocket PCs (iPAQ) entwickelt, die darauf angelegt ist, ein Netz von Geschichten über einen studentischen Campus zu spannen und interaktiv weiterzuspinnen. [4]

Über ein drahtloses Netzwerk werden per Streamingverfahren kurze Videosequenzen an die Orte des Campus übertragen, die mit Situationen und Personen an diesen Orten zu tun haben. Außerdem korreliert der Zeitpunkt der "Empfängnis" mit dem Inhalt der jeweiligen Videosequenz. Das bedeutet beispielsweise, dass man als Leser, Nutzer, Rezipient, Mitspieler und Coautor kurz vor 12 Uhr vor der Mensa einen der Charaktere der Geschichten zum Essen rennen sieht und dann vielleicht seine eigenen Impressionen vom schnellen Essen in die Geschichtendatenbank einspeist. Gegenwärtig bezieht sich das Entwicklungsteam auf das Geschehen eines Tages. Man plant jedoch, die Geschichte(n) in die Vergangenheit und die Zukunft hinein auszudehnen. Wichtiger Programmbestandteil ist die Möglichkeit der Partizipation aller Studenten, die so gemeinsam an einem ständig wachsenden Netz von Geschichten weben.

Bei diesem Projekt zeigt sich ein Thema, das ortsbezogenen Erzählformen inhärent ist: Belebte Orte verändern sich mit ihren Besuchern, was zur Folge hat, dass sich wiederum auch die in ihnen angesiedelten Erzählungen weiterentwickeln.

Die Beteiligung des Rezipienten an der Textgestaltung ist jedoch ein schwieriges Unterfangen, das selten zu befriedigenden Ergebnissen führt. Die entsprechenden interaktiven Literaturexperimente im Netz belegen das seit Jahren. Damit soll nicht gesagt sein, dass kollaboratives Schreiben von Vornherein zum Scheitern verurteilt ist. Es ist allerdings noch eine Menge dramaturgische Grundlagenarbeit erforderlich, um die flexibel im Raum angesiedelte Geschichten auch ansprechend gestalten zu können.

So müssen Autoren für MULTIPLE STORY ENVIRONMENTS lernen, die bisher gewohnte Kontrolle über ihr Werk abzugeben. Sie entwickeln ein komplexes System von Raum/Textbezügen, durch die sich der Hörer selbständig navigiert. Von Texterfindern werden sie zu Hütern in einem Garten der Texte, die sich ständig verzweigen, wachsen und wieder absterben. Die Zufälligkeiten der Orte und ihrer Gegebenheiten sind entscheidende Nährstoffe in diesem Garten. Die Autoren müssen daher eine besondere Offenheit und Wahrnehmungsfähigkeit gegenüber den externen Faktoren ihres Textwachstums entwickeln und lernen, mit der Dramaturgie des Zufalls zu arbeiten.

Neben der Klärung der technischen Voraussetzungen für LOCATION BASED NARRATION liegen in den neuen dramaturgischen Herausforderungen die entscheidenden Schwierigkeiten für eine breitenwirksame Entwicklung dieser neuen Erzählform.

Die Theatermaschine wird über dieses Thema weiter berichten. Hinweise auf interessante Projekte sind willkommen.
 

[1] Stefan Schemat: http://www.enterreality.com/
[2] Dokumentation "Desperat Disparata" ­ eine Veranstaltung der //theatermaschine: http://www.theatermaschine.net/labor/index.htm
[3] ACM Multimediakonferenz: http://mm02.eurecom.fr/schedule.html
[4] MIT Projekt: http://ic.media.mit.edu/projects/MViews/Studio.htm

Weitere Arbeiten des Autors zu dem Thema:
  • "Leonardo Log", Klanglandschaft, http://www.i-camp.de/archiv/eiscamp02leonardo.htm
  • Workshop: Dramaturgie des Zufalls, Bundesakademie für Kulturelle Bildung, http://www.bundesakademie.de, Mai 2003.


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