Klassiker wiederlesen: Marshall McLuhan

Das Medium ist die Botschaft - The Medium ist die Massage
Verlag der Kunst, Dresden 2001

Marshall McLuhan (1901-1980), Pionier der Medientheorie und viel zitierter Autor, machte sich einen Namen durch seine Kulturtheorie der 60er und 70er Jahre. Als einer der ersten beschäftigte sich der kanadische Soziologe mit den Auswirkungen der - damals noch - neuen Medien Fernsehen, Radio, Computer und Telefon auf die Gesellschaft. Der von McLuhan geprägte Satz vom Medium, das die Botschaft sei, lieferte nun den Titel zu einer vom Verlag der Kunst herausgegebenen Sammlung von Gesprächen und Interviews mit Marshall McLuhan.

Zum besseren Verständnis und Wiederentdecken der McLuhan'schen Thesen ist dieses kompakte Bändchen unbedingt zu empfehlen. Im lockeren Gespräch mit Wissenschaftskollegen und Journalisten werden McLuhans Ansichten und Argumente, die man aus der aktuellen Diskussion nur in verknappter Form als griffige Slogans kennt, vertieft. Allmählich gewinnt man ein differenzierteres Bild des Apologeten des Global Village. Insbesondere wird bei der Lektüre McLuhans Methode der 'Theoriebildung' einsichtig. Verstand McLuhan seine Texte doch immer mehr als künstlerisch-literarische Produkte, denn als wissenschaftliches Werk.

Seine Sätze seien Sonden, sagt er einmal, die er in die Welt setze, um ihre Wirkung zu überprüfen. Und an anderer Stelle: "Der größte Teil meiner Arbeit mit den Medien ist die eines Safe-Knackers. Am Anfang weiß ich nicht, was drin ist. Ich lasse mich einfach vor dem Problem nieder und fange an zu arbeiten. Ich taste, ich suche, ich lausche, ich teste, bis die Schlösser nachgeben und ich drin bin. So arbeite ich bei all diesen Medien." Und über die Kunst sagt er analog: "Die Aufgabe der Kunst ist es nicht, Erfahrungsmomente zu lagern, sondern Umgebungen zu erforschen, die sonst unsichtbar sind."

Vielleicht sind ohnehin McLuhan's Aussagen, die er in diesen Gesprächen über Kunst macht interessanter und in heutigem Kontext virulenter als seine Medien-Beobachtungen (letztere lohnen immerhin das Wiederlesen!). So fordert er beispielsweise ein produzierendes, kein konsumierendes Publikum für eine neue Kunst. Auch die Kunst müsse wie Sonden wirken, nicht wie Fertigprodukte. Zitat: "Der Schöpfungsakt der Kunst bestand in der Vergangenheit, sagen wir seit der Renaissance, im Herausdestillieren von Essenzen. Die Kunst war ein Warenhaus einzigartiger Momente, einzigartiger Wahrnehmungen und nur einem auserwählten Kreis zugänglich. Diese Art von Kunst hat ausgedient, obwohl sie in vielerlei Hinsicht ein preziöses Gut darstellt (preziös auch im schlechten Sinn). Die Kunst als Schatzkiste von Kuratoren soll damit nicht abgewertet und ausrangiert werden. Ich finde nur, daß Malraux absolut recht hat, wenn er von einem 'Museum ohne Wände' spricht - es ist heute die Außenwelt, die zu einem Kunstwerk wird, und Kunst nicht länger etwas, das nur in Galerien und Museen beheimatet ist."

Im letzten der fünf im Buch versammelten Gespräche, einem Interview das McLuhan 1969 für den Playboy gab, entwirft er das Bild einer durch die elektronischen Medien retribalisierten Gesellschaft. Einer Gesellschaft, die eine Abkehr von der distanzierenden alphabetisierten hin zur vielschichtigen, differenzierten, gemeinschaftlichen und kreativen Stammeskultur bedeutet. Die Vision, die McLuhan mit der retribalisierte Stammeskultur entwirft klingt vielversprechend. Die elektronisch implodierte Stammesgesellschaft sage sich von der linearen Vorwärtsbewegung des Fortschrittsglaubens los. Und "die Tage der politischen Demokratie, so wie wir sie heute kennen, sind gezählt".

Allerdings, so konstatiert er, befände sich die gegenwärtige Kultur noch im schmerzhaften Prozess der Identitätsbildung. Und diesen Prozess des Übergangs kennzeichne 'Rückspiegelmentalität' und das mit Gewalt verbundene Festhalten an Werten und Strukturen des mechanischen Zeitalters. McLuhan zu seiner persönlichen Haltung befragt antwortet: "Ich sehe zwar die Aussicht auf eine reiche und kreative retribalisierte Gesellschaft ­ frei von Fragmentierung und Entfremdung des Maschinenzeitalters -, die sich aus dieser traumatischen Periode des Kulturzusammenbruchs erheben wird, aber der ganze Prozeß der Veränderung widert mich an. (...) Man muß sich zwangsläufig eine Haltung arroganter Überlegenheit zulegen. Statt sich in eine Ecke zu verkriechen und darüber zu jammern, was die Medien mit uns anstellen, sollte man zur Attacke blasen und ihnen direkt in die Elektroden treten." ;-)

(Gisela Müller)

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