Wodka im Labor
Eine Tagung am Karlsruher ZKM sucht die Zukunft des Theaters im Verweis auf seine Traditionen.

von Burkhard Reitz

Zukunftsmodelle des Theaters zu entwerfen, ist ein heikles Unterfangen: Von welchem Theater soll die Rede sein, geht es um das Theater als Idee, als soziale Institution, als Medium, als Selbst- oder als Gruppeninszenierung? "Future Theatre", ein Symposium am Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe (ZKM), wollte Impulse setzen für den Dialog zwischen Theater und neu entstehender Medienkunst. Dass sich daraus ein in weiten Teilen medientheoretischer Diskurs entwickelte, dem viel konstruktive Kraft fehlte und der am eigentlichen Thema vorbeiging, lag an unklaren Begriffen und Verständigungsnöten unter den Diskutierenden.

Theater als ein reflexives wie informatives Medium könne nicht gegen die elektronischen Medien ankommen und müsse sich daher selbst als geistesgeschichtliches Museum inszenieren, schlägt Carl Hegemann, Dramaturg der Berliner Volksbühne, vor. Sonst sei die Entkörperlichung der Tribut, den das World Wide Web den Theatermachern abverlange. Die Furcht, dass das Theater lieb gewordene Kommunikationsfunktionen abtreten müsse oder gar in seiner Existenz gefährdet sei, scheint weit verbreitet im kulturtheoretischen Diskurs und entspringt doch einem verkürzten Verständnis des Theaters als eines bloßen Mediums, das mit anderen Kommunikationsformen um soziale Relevanz konkurriert. Wenig hilfreich ist der Ansatz des Volksbühnen-Schauspielers Herbert Fritsch, der frei nach Joseph Beuys insistierte, dass alles ­ die Theaterinstitutionen, das Internet und das ganze Treiben der realen Welt ­ Theater sei. Sein Online-Projekt "Hamlet_X" offenbart vieles, nicht aber einen Dialog zwischen Netzkunst und Theaterpraxis. Den Hamlet-Text zu zerteilen, die Bruchstücke abzufilmen und im Internet zu zeigen, ist letztlich Filmkunst, die nur einen neuen technischen Verbreitungsweg nutzt.

Das Hypermedium
Produktiver ist ein Theaterbegriff, wie ihn Christopher Balme, der Präsident der Gesellschaft für Theaterwissenschaft, verwendet. Balme charakterisiert das Theater als Hypermedium. So verstanden, ist Theater eine Art Kondensationsraum, in dem verschiedene Kommunikationsformen verbunden und mit den ureigenen Theaterinstrumenten wie Dramaturgie, Raumgestaltung und szenische Textvermittlung neu komponiert werden können. Damit ist erkennbar, wo ein Austausch von neuen Medien und Theaterpraxis stattfinden kann: in jedem einzelnen Instrument der Theaterschaffenden.

Die Suche nach neuen Bühnenräumen müsse von den Theatern als wichtige Herausforderung begriffen werden, forderte Elisabeth Schweeger, Intendantin des Frankfurter Schauspielhauses. Schließlich biete die Konstruktion des Bühnenraums zahlreiche Berührungspunkte und neue Möglichkeiten für Medien und Theater. Das Internet schafft durch die Vernetzung der Rechner eben auch neue Spielräume. Andererseits liefern virtuelle Projektionen gestalterische Elemente für das Theatererleben an einem konkreten Ort. So kann das Spiel mit Überschneidungen und Brüchen zwischen realem und erdachtem Raum neue Kunstformen hervorbringen.

Beachtliches auf diesem Gebiet leistete die Regisseurin Helena Waldmann; in "Vodka Konkav" erzielte sie durch Spiegelflächen multimediale Effekte und verwandelte den Bühnenraum in eine Grauzone zwischen Fiktion und Realität. Schade, dass sich wenig aktuelle Produktionen in vergleichbarer Qualität an das unkonventionelle Spiel wagen. Immerhin organisiert die Staatsoper Stuttgart im kommenden Sommer bei einer französisch- niederländischen Kooperation ein Versuchslabor, wo verschiedene künstlerische Sparten mit Hilfe modernster Technologien neue Formen des Musiktheaters ausprobieren sollen.

Insgesamt entglitt dem ZKM, dem Schauspiel Frankfurt und der Hochschule für Gestaltung als den Veranstaltern oft der rote Faden, so dass zeitweilig der Eindruck entstand, die Zukunft des Theaters bestehe im beharrlichen Verweis auf seine Traditionen. Von einer Aufbruchstimmung in eine neue Zeit mit neuen technischen wie konzeptionellen Möglichkeiten war kaum etwas zu spüren. Dennoch war das Symposium ein Plädoyer für mehr Mut in der Theaterarbeit und für die Lust am Spiel mit alten und neuen, mit medialen und körperlichen Elementen. Nur so könnte das Theater als Hypermedium in der Gegenwart ankommen.

burkhard@theatermaschine.net


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