Theater sucht Publikum
Eine Tagung an der Evangelischen Akademie Tutzing, März 2004.
www.ev-akademie-tutzing.de

Eine Bericht von Silvia Bauer.

Dem deutschen Theater ist das Publikum abhanden gekommen. Das jüngste Kapitel dieses Auseinanderdriftens von ästhetischem Angebot und zuschauender Nachfrage wurde bei den diesjährigen Ruhrfestspielen geschrieben. In Folge der spärlichen Platzauslastung von knapp 34 Prozent wurde dem künstlerischen Leiter Frank Castorf Ende Juni 2004 vorzeitig gekündigt. Dies, obwohl Castorf genau die experimentelle Ästhetik bot und mit Schlingensief und Pollesch die Kollaborateure zur Unterstützung an seiner Seite hatte, für die sein Name und die von ihm geleitete Berliner Volksbühne seit langem stehen.

Die beiden Seiten des Konflikts sind reflexartig schnell zu benennen: da ist das "kleinbürgerliche Kulturverständnis", wie es Flimm und Mortier, der kommende und der scheidende Intendant der Festspiele, seitens des DGB, dem Träger des Festivals, erkennen; da ist andererseits die Abstimmung mit den Füßen, die konsequente Verweigerung der Zuschauer sich einer experimentellen ästhetischen Erfahrung auszusetzen, die der eigenen Erwartungshaltung an einen Theaterabend widerspricht und die zugleich für ein kritisches Konsumentenverhalten stehen könnte, das Theater als Dienstleistung der Unterhaltungs- und Kulturindustrie betrachtet. Wie steht es also um die ästhetische Erziehung des widerstrebenden Theaterpublikums? Wie steht es gleichzeitig um die Kundenfreundlichkeit, das professionelle Customer-Relationship-Management deutscher Staats- und Stadttheater, kurz um die "usability" des Theaterangebots?

Auf die Suche nach dem Publikum für das zeitgenössische Theater machte sich eine von Roswitha Terlinden und Jörg Wiesel konzipierte und moderierte Tagung, die vom 5. - 7. März 2004 an der Evangelischen Akademie in Tutzing stattfand und die den Dialog zwischen Publikum und Theaterprofis voranzubringen suchte.

Das Programm war geradezu enzyklopädisch angelegt und bemüht alle wesentlichen Aspekte, Themen und Positionen zu berücksichtigen. Vertreten waren auf Seiten der Vortragenden TheaterwissenschaftlerInnen und TheaterhistorikerInnen, ein Autor, eine Kritikerin sowie Dramaturgen verschiedener Schauspielhäuser. Das Tagungspublikum übernahm die Rolle des Theaterpublikums. Abgerundet wurde das Programm durch zwei Theaterbesuche an den beiden großen Münchner Schauspielbühnen.

Die Bochumer Theaterhistorikerin Ulrike Haß stellte in einem ausführlichen Abendvortrag die Frage "Was glaubten die Szenographen im 16. Jahrhundert, wo sich ihr Publikum befände?" In ihrem groß angelegten Überblick legte sie den Theaterraum als optische und akustische Versuchsanordnung dar und erläuterte die Entstehung der Perspektivbühne im 16. Jahrhundert. Das Referat endete mit der Vorstellung aktueller Bühnenräume, welche die klassische Perspektive dekonstruieren und dadurch die Parameter von Sichtbarkeit und Hörbarkeit des Bühnengeschehens betonen.

Barbara Staudhammer führte die historische Perspektive fort und erläuterte den zeitpolitischen wie ästhetischen Kontext der alten Rivalität der beiden Münchner Bühnen Staatsschauspiel und Kammerspiele, die bereits in den zwanziger Jahren des 20.Jahrhunderts das Publikum in zwei "Fanblöcke" spaltete.

Dem Gegenwartstheater bzw. aktuellen Inszenierungen des Musikrepertoires wid-meten sich die beiden Vorträge der Theaterwissenschaftler Nikolaus Müller-Schöll (Frankfurt/Main) und Jörg Wiesel (Basel). Müller-Schölls Ausführungen "Zum Komi-schen als Paradigma des Gegenwartstheaters" begann mit philosophisch-theoretischen Erörterungen der Dialektik von Spiel und Ernst in der zeitgenössischen "Spaßgesellschaft". Einen Komödienboom konstatierte er unter historischer Perspektive als Zeichen der Krise, wie er etwa im Gefolge politisch-gesellschaftlicher Zusammenbrüche, beispielsweise nach den beiden Weltkriegen oder nach dem Zusammenbruch der DDR und der gesamtdeutschen Wiedervereinigung, auftrete. Konkret wurden die Thesen zur inszenatorischen Reflexion der "Oper als Anstalt", zur selbstreflexiven Kritik der Theaterarbeit als ideologischem Apparat und als ordnende Institution in Zeiten gesellschaftlichen Umbruchs am Beispiel der Inszenierung des französischen Regisseurs Jean Jourdheuil von Mozarts "Gärtnerin aus Liebe" im Bühnenbild von Mark Lammert an der Stuttgarter Staatsoper dargelegt.

Der Basler Theaterwissenschaftler Jörg Wiesel unterzog in seinem Tagungsbeitrag die Zürcher Inszenierung und den Text von Franz Schuberts "Die schöne Müllerin" einem aufschlussreichen "close reading". "Vom Genuss des Fehlhörens bei Christoph Marthaler" war der Vortrag überschrieben und konzentrierte sich ganz auf den Einsatz von Stimme und poetischem Sprechen. Wiesels theoretische Ausführungen kreisten um die rhetorische Figur der Prosopopöie, mit der man beschreibt, dass etwas spricht oder zu sprechen scheint, das defacto nicht sprechen kann. Dieser Figuration, deren Bedeutung für die romantische deutschsprachige Literatur von Bettine Menke in ihrer Habilitationsschrift mit dem Titel "Prosopopoiia" (2000) dargelegt worden ist, folgte Wiesel und zeigte anhand der gesanglichen Interpretationen des "rauschenden Bachs" von Fischer-Dieskau im Vergleich zur Ensembleleistung der Zürcher Inszenierung von Marthaler, wie das Verhältnis von Sprechen und Begehren, wie die Wiederkehr des Verdrängten im Gewebe des Textes, der stimmlichen Ge-staltung und musikalischen Interpretation manifest wird.

Die Verhältnisse deutscher Theater in Zeiten schwindender Kulturbudgets stellte die Münchner Theaterkritikerin Christine Dössel in ihrem faktenreichen Beitrag vor. "Theater ist Krise" zitierte sie Heiner Müller und plädierte für ein Festhalten am öffentlich subventionierten deutschen Theatersystem mit festem Ensemble und Re-pertoirebetrieb. Selbst wenn dieses Modell den Maximen der Effizienzoptimierung und Wirtschaftlichkeit, wie sie Unternehmensberatungen analysieren, kaum entspräche, so läge die eminente kulturpolitische Bedeutung, auf die Dössel hinwies, in der einzigartigen Stilvielfalt und dem Reichtum an kulturellen und ästhetischen Codes den die deutsche Theaterlandschaft hervorbringe und der diese auszeichne.

Die Einzigartigkeit des deutschsprachigen Theatersystems wurde im Vortrag der Wiener Theaterwissenschaftlerin Monika Meister aus österreichischer Perspektive ergänzt. Am Beispiel der Geschichte des Wiener Burgtheaters im Verlauf des 20. Jahrhunderts stellte Meister das Spannungsfeld von Tradition und Innovation dar, das die Erwartungen und Anforderungen an das österreichische Nationaltheater präge. Hierzu zähle auch die politische Identität als Kulturnation und die Rolle des Theaters eben für die nationale Selbstvergewisserung und Identitätskonstruktion. Die herausragende ideologische Bedeutung des Theaters werde auch dadurch sichtbar, dass die Hälfte des gesamten Kulturetats Österreichs für Theaterkunst eingesetzt werde. Nur gering sei jedoch das Interesse an einer Anschlussfähigkeit an den internationalen Diskurs. Rühmliche Ausnahme sei, so Meister, gerade für die freie Szene Wiens, das Tanzquartier, das mit seinem Theorie- und Informationszentrum und dem Researchprogramm als Schnittstelle zum aktuellsten Diskurs fungiert und zu Austausch und Experiment einlädt.

Während die Theaterkritikerin Christine Dössel vor allem die kulturpolitische Bedeutung des Theaters hervorhob, stellte die Dramaturgin des Theaters Basel, Judith Gerstenberg, die Forderung an die Theaterkritik, ihre kulturelle Vermittlungsaufgabe ernst zu nehmen. Sie beklagte den Niedergang einer Theaterkritik, die sich immer weniger als Vermittlungsinstanz zwischen den künstlerischen Produzenten und dem Publikum verstehe, keine klaren ästhetisch-künstlerischen Bewertungen oder Kriterien von Theaterabenden mehr liefere, sondern mehr und mehr zum Lieferanten von bloßen Ausgehtipps für die Eventgesellschaft würde.

Gerstenbergs Vortrag lieferte einen informativen, selbstreflexiven und ironischen Einblick in die Entscheidungsprozesse des künstlerischen Leitungsteams des Theaters Basel um Stefan Bachmann. Fragen an die Darstellbarkeit auf der Bühne sowie die neuere postdramatische Textproduktion stellen den Begriff des Spiels und des Spielerischen ins Zentrum dramaturgischer Überlegungen. Das Theater als Analyseapparat der Jetztzeit müsse jedoch notwendigerweise ergänzt werden durch Verstehensangebote an das Publikum, das diese neueren Codes teilweise nicht oder nur missverständlich entziffern könne. Der Wissenshorizont des Publikums, so Gerstenbergs Fazit, dürfe in der Arbeit der Theatermacher nicht ignoriert werden. Hier ging Gerstenberg auf die Erfahrungen in Basel ein. Die ästhetischen und künstlerischen Veränderungen, die mit dem Intendantenwechsel 1998 in Basel einzogen, wurden vom Publikum überwiegend nicht mitgetragen. Auf den radikalen Einbruch der Zuschauerzahlen reagierte das Theater mit einer Publikumsveranstaltung unter dem Titel "Da geh ich nicht mehr hin". Der Abend lud zur Partizipation ein und bot den Zuschauern Gelegenheit, sich am Rednerpult ihren Frust und ihre Unlust am Theater vom Herzen zu reden. Danach, so die Dramaturgin, war ein Dialog wieder möglich. Gerstenbergs Betonung des Spielerischen und der prozessualen Qualität als Fokus des Basler Diskurses ergänzten von der theaterpraktischen Seite her die theoretischen Ausführungen Müller-Schölls zur "Spaßgesellschaft".

Die beiden Abende der Wochenendtagung führten in die Münchner Kammerspiele zu Jossi Wielers Inszenierung von Leonora Carringtons "Das Fest des Lamms" und in Friedrich Schillers "Kabale und Liebe" in der Inszenierung von Florian Boesch am Residenztheater. Obwohl die Auswahl eher zufällig dem Spielplan der beiden Bühnen geschuldet war, standen die beiden Inszenierungen für antagonistische Theaterkonzepte, die in der Lage waren, die unterschiedlichen Positionen der Häuser und ihrer Intendanten, Frank Baumbauer und Dieter Dorn, deutlich zu machen. Hier eine an dem Begriff der "Werktreue" orientierte Darbietung des Klassikers, mit historisierenden Kostümen und erlesener Sprechkunst, dort die Neuentdeckung einer kaum bekannten modernen Dramatikerin in aktueller, mutiger Neubearbeitung, verknüpft mit intertextuellen Bezügen zu Film, Multimedia und Soundkunst.

Die Theaterbesuche wurden bereits informell während der Abende an der Evangelischen Akademie heftig diskutiert. Diese Diskussion setzte sich im Gespräch mit den Chefdramaturgen der beiden Häuser bei der abschließenden Podiumsdiskussion fort. Das durchweg sehr diskussionsfreudige Publikum der Tagung, das immer mehr Zeit für Dialog und Gespräch durchzusetzen verstand, nahm hier engagiert Partei für die ein oder andere Inszenierung, stellte sich auf die Seite der ein oder anderen Bühne, lieferte Kritik und Interpretationsvorschläge. Deutlich wurde die Leidenschaft, die die Tagungsteilnehmer für das Theater hegen und die Bandbreite von Publikumserwartungen, ästhetischer Risikobereitschaft und Kulturkonservativismus. Auffallend war, dass vergleichsweise wenig jüngere Leute an der Tagung teilgenommen hatten. Möglicherweise stellt sich die Frage nach dem schwindenden Publikum der Theater vor allem bei der jüngeren Generation, während sich eingefleischte, ältere Theaterfans von neuen Entwicklungen in Dramatik oder Inszenierungsstilen weniger abschrecken lassen, als gemeinhin unterstellt. Zwar bieten die Theater immer häufiger speziell theaterpädagogische Angebote für Jugendliche und Sonderveranstaltungen für Schulklassen, als Ort der Auseinandersetzung, des kulturellen und gesellschaftlichen Diskurses, des Dialogs und der Live-Interaktion hat sich der Theaterraum jedoch bei vielen jungen Leuten nicht etabliert. Doch diese Feststellung ist lokal verfärbt. Dass es auch anders geht, zeigen schließlich gerade Beispiele wie die Berliner Volksbühne oder das Theater Basel. Dort soll im nächsten Jahr übrigens eine Fortsetzung der Tagung stattfinden.

--> [zurück]