Pioniere auf dem Weg zu neuen Blickwinkeln
Angehende Theaterwissenschaftler auf neuem Terrain


von Annegret Arnold

"Ihr seid Pioniere auf dem Gebiet, das wir beackern werden." Mit diesen Worten wurden wir von Dr. Birgit Wiens begrüßt und eingeladen in das Proseminar "Theater, Theaterwissenschaft und Internet: Arbeitsfelder und -techniken in einem neuen Medium." Als das Seminar vor ein paar Wochen zu Ende ging, fühlten wir uns tatsächlich wie Pioniere, jeder mit einem Rucksack voller neuer Ideen, Eindrücke und einer Menge neuer Fragen auf dem Rücken.

Erstmalig wurde mit diesem Seminar am Institut für Theaterwissenschaft der Münchner LMU ein Feld begangen, das zwar sehr holprig und zum Teil auch unerschlossen ist, aber auch unheimlich vielschichtig und facettenreich. Titel der Literaturliste zum Seminar wie: "Theater an der Schnittstelle zu digitalen Welten", (Schnittstelle sollte tatsächlich eines der meist verwendeten Wörter im Seminar werden), oder "Als das Theater aus dem Rahmen fiel", machten uns deutlich, wie das Feld ungefähr beschaffen ist, auf das wir uns begaben.
Vor allem der Einstieg aber war schwierig, wollte die Theaterwissenschaft, wie wir sie kennengelernt hatten und wie sie in purster Form am Institut gelehrt wird, doch so gar nicht zu dem passen, was wir mit großen Augen und Ohren, manchmal auch mit tiefen Falten auf der Stirn entdeckten.

Zunächst wurden Begriffe geklärt, damit zumindest die Merkmale des Internet klar umrissen waren. Eine Definition von Theater schien vorausgesetzt zu sein. Langsam setzten sich die Begriffe von Interaktivität, Hypertextualität und Intermedialität und der große Disput um den Gegenstand "Theater und Internet" begann.

Was ist denn so großartig und neu, wenn auf der oder für die Bühne der vernetzte Computer genützt wird? Theater darf sich nun einmal nach Belieben bedienen: ein bisschen Sprache, ein bisschen Körper, ein wenig Film, ein wenig Text und nun eben auch Theater mit ein wenig Netz.

Tilmann Sacks Chattheater [1] fiel in die Schublade "Theater mit ein wenig Netz" in das Fach "Neue Bausteine für die intermedialen Spielmöglichkeiten des Theaters". Doch dann kam Herbert Fritschs HamletX [2] und wir mussten entgültig unser vertrautes Terrain verlassen. Ein Theatertext wird in 111 Teile zerlegt und in den unterschiedlichsten Formaten im Netz präsentiert. Der User entscheidet sich durch sein Klicken selbst, in welcher Reihenfolge er dem Hamletstoff neu begegnet. Langt es, dass Herbert Fritsch ein Mann des Theaters ist, der sich einen Theatertext vornimmt, um von einer theatralen Inszenierung, von Theater zu sprechen? Oder ist es doch nur eine Spielerei im Netz? Eine witzige Seite, auf die man beim Surfen stößt und sich kurz unterhalten lässt? Medienkunst, oder vielleicht Theater im Netz?

Wir haben es aufgegeben eine Kategorie zu suchen, denn die Schubladen wurden im Laufe der Auseinandersetzung mit dem "Theater, das aus dem Rahmen fiel" immer unwichtiger. Die Brechstange, mit der wir unsere Basis Theater und das Internet zusammenbringen wollten, um theoretisch festzulegen, wie die Verknüpfung von Theater und Internet auszusehen hat, wurde beiseite gelegt.
Auch die vielen vorgestellten Inszenierungen und Projekte, die folgten, haben wir abgeklopft und untersucht, wie sie funktionieren und mit welchen Elementen sie spielen, jedoch war die Verkrampfung verschwunden das Neue um Alles in der Welt mit dem Theater vereinbaren zu wollen, oder das Theater vor dem Neuen zu verteidigen.

Zum Ende des Seminars war für mich klar, dass das Feld, das wir beschritten hatten, meinen Blickwinkel um einiges erweitert hat. Für die Lehrenden am Institut scheint das Terrain jedoch zu unheimlich zu sein, denn schon im nächsten Sommersemester wird es kein Seminar geben, das den Bereich weiter untersucht. Wirklich sehr schade, denn ich bezweifle, ob Seminare wie "Theatermarketing", oder "Volkssänger in München" bessere Theaterwissenschaftler aus uns machen, als Seminare, die sich an die Neuen Medien heranwagen. Man kann nur hoffen, dass das, was mit Birgit Wiens kurz aufgeflackert ist noch eine zweite Chance bekommt.
(annegret@theatermaschine.net)
 

[1] Tilmann Sack, Chattheater http://chattheater.dasding.de/
[2] HamletX: http://www.hamlet-x.de/



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