SPIELART 2003

Alte SPIELART-Bekannte zeigen den aktuellen Stand:
Was bleibt, wenn das Theater sich selbst abschafft
"Work-in-Progress / Bloody Mess" (Forced Entertainment, UK)


Ja, was bleibt nach der Dekonstruktion des Theaters? Eine 'bloody Mess', ein ziemliches Schlamassel. Inmitten dieses Schlamassels wüten und tanzen und singen und erzählen die Akteure von Forced Entertainment. Sie tun es mit großer Professionalität, mit dem dieser Truppe eigenen Witz und mit britischem Charme. What am I doing here? fragt einer der Akteure zu Anfang des Abends. Die Frage gilt, das wird im Verlauf der folgenden zwei Stunden klar, nicht nur denjenigen auf der Bühne. Sie gilt auch uns im Publikum. Was machen wir da eigentlich an diesem Ort, der Theater heißt? Warum gehen wir da (immer noch) hin, was erwarten wir uns von denen 'da vorne'?

Erwartungen erfüllen Forced Entertainment keine. Im Gegenteil. Sie sprechen jedoch aus, was man erwarten könnte von einem Theaterabend. Sie nennen sie beim Namen, die Emotionen und Stimmungen und Gerührtheiten, die das Theater gemeinhin erfüllte. Es wird geredet, es wird die ganze Zeit geredet. Geredet über. Über Traurigkeit zum Beispiel, über sexuelle Lust und über Stille. Doch die Trauer und das Begehren selbst kommen nicht vor. So liegen diese Emotionen vor uns wie die Überbleibsel einer alten Kultur in den Vitrinen eines Museums. Seltsam distanziert beobachtet man, erkennt wieder, erinnert sich; lächelt; lacht. Lacht über die Komik zweier Clowns, die Stühle schleppen und ver-schleppen, und die mit ihrer kleinen Stuhlnummer Kapitalismuskritik par excellence betreiben. Das also ist die verdrehte Welt, um die es geht. Eine Welt, in der Menschen mit ihren Bedürfnissen einsam herumstehen wie die Schauspielerin im Gorillakostüm. Keiner will sie mitspielen lassen, obwohl sie es immer wieder versucht. Obwohl sie doch einfach nur geliebt werden will. Traurig lässt das schwarze Ungetüm die Schultern hängen, verteilt im Publikum Kleenex. Aber nicht einmal weinen will jemand mit ihr. Und dabei hat dieser Gorilla so schön rotlackierte Zehen ...

Dekonstruktion also auf der ganzen Linie. Kein Bild bleibt heil. Die Bühne gleicht am Ende der Straße des 17. Junis nach der Love-Parade. Wir haben alles gehabt, haben alles gesehen: Vom Urknall bis zur Apokalypse; Drama und Sex und Rock'n Roll. You're going to cry for the rest of your lives, sagt diejenige, die anfangs sagte, sie möchte nicht gesehen werden. Dann bleibt sie doch die letzte im Scheinwerferlicht am Bühnenportal. Und dann geht auch das letzte Licht aus und wir müssten tatsächlich für den Rest unserer Leben weinen, wenn es das letzte Licht auf einer Theaterbühne gewesen wäre. Und dann erinnert man sich wieder an den Beginn des Abends, als die Forced Entertainer in einer Reihe am Bühnenrand saßen wie bei einer Versammlung der anonymen Alkoholiker. Jede und jeder bekannte sich zu seiner Rolle in dieser Theaterpharce. - So auch ich: Ich bin im Theater gesessen und habe mich amüsiert, habe nachgedacht, habe mich berühren lassen und verführen, hatte einen wunderbaren Abend.
(Gisela Müller)

Forced Entertainment: http://www.forced.co.uk/


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