SPIELART 2003

Can you imagine the opposite?
Zur Darstellung von Realität in den Stücken 'Flicker' und 'Chinindrest Take-Away' beim SPIELART Theaterfestival 2003

'Is it real?' lautet das Motto von SPIELART 2003. Mit der Frage nach 'Real' oder 'Fake' wolle das Festival - so schreiben deren Macher - einen Beitrag zur Forderung nach einem wieder politischen Theater in den Raum stellen und Künstler präsentieren, die in ihren Arbeiten 'Das Reale' neu entdecken und hinterfragen. Die beiden Produktionen 'Flicker' (Big Art Group, USA) und 'Chinindrest Take-Away' (Dood Paard, Niederlande) versuchen auf ganz unterschiedliche Art sich der Realitätsfrage zu nähern.

"We are necrophiles; we work in the medium of the undead."

flicker flickerEine Frau rennt, ein Messer blitzt, ein maskiertes Gesicht, die Frau schreit, Blut spritzt - ok, das Blut war nicht echt. Wir sind schließlich im Theater. Real-Time-Filmmaking nennen die US-amerikanische Theatergruppe Big Art Group ihr Verfahren des live Videomachens auf offener Bühne. In 75 Theaterminuten entsteht vor den Augen der Zuschauer und Zuschauerinnen 'Flicker', ein Horror-Movie nach Art von Blair Witch Project und anderen gruseligen Genreproduktionen. Es geht um zufällige Gewalt, um Selbstzerstörung, um sadomasochistische Begierden, überhaupt um Begehren, das kein Ziel findet und sich nur in Perversion erleben kann. Und es geht um Menschen, die bei all dem zuschauen - getrennt von der Realität aufgeschlitzter und blutender Haut nur durch das filmische Medium.

Fiction oder Non-Fiction - vor diese Entscheidung wird das Publikum zu Beginn des Stückes gestellt. Aber natürlich ist schon immer klar, dass es sich bei dem, was auf der Bühne geschieht, um eine Fiktion handelt. Wir sind schließlich im Theater. Wir sehen, wie es gemacht wird: Die Akteure arbeiten auf der Bühne vor drei Kameras. Was diese Kameras aufnehmen, wird auf eine dreiteilige Leinwand projiziert, die wie ein Paravant zwischen den SchauspielerInnen und dem Publikum platziert ist. Die leibhaftigen SchauspielerInnen sind Brustaufwärts hinter der Trennwand sichtbar. Gleichzeitig agieren sie auf der Leinwand im Film. Mittels direkt vor die Kamera gehaltenen Fotos und Objekten, werden Filmeffekte erzeugt, Schnitte, Zooms, Überblendungen.

Bestechend sind vor allem die Exaktheit und das perfekte Timing der in Echtzeit ausgeführten Operationen. Mit Spannung verfolgt man das Geschehen, ständig jedoch auch in einer seltsamen Anspannung, die Suggestionsebene des Films wird permanent von der Sachlichkeit des Herstellungsprozesses überlagert und konterkariert. Dies ist zeitgenössisches Anti-Illusionstheater im besten Brechtschen Sinne: Wie soll man da noch romantisch glotzen? Bei Brecht, das ist jedoch das Dilemma, ist die Politik nur auf dem Theater echt. Und insofern muss das Votum bei 'Flicker' eindeutig auf Fiction lauten. ... womit uns das Stück nach einem wirklich spannenden Theaterabend wieder hinaus in die Welt der vermeintlichen Non-Fictions entläßt.


holzer
"I can't imagine the speed of time being 24 h a day"

Die niederländische Gruppe Dood Paard dagegen fragt erst gar nicht danach, ob etwas 'real' ist. Alles ist real - so real, dass man es kaum mehr vorstellen kann. Die billigste Landmine, die nur zwei Euro kostet ist genauso real wie 36.000 Kinder, die am 11. September 2001 verhungert sind. So real aber auch wie zu sagen 'I need old people', so real wie '6 billion people having their 6 billion good ways'.

Drei Schauspieler, eine Schauspielerin, ein DJ. Der Bühnenraum könnte die WG der fünf sein mit gemeinsamen Kleiderschrank, oder wir, das Publikum, sitzt mit in der Küche. Wo man sich ohne Unterschied über Gott und die Welt und seine persönlichen Probleme unterhält. I can't imagine never being raped by your father. I can't imagine your man watching TV while he should be fucking. Vor dem Fenster die Fabrikschlote und der Wald und das Wasser. Drinnen die nackten Aufziehtiere, die irgendwann wie lichtlos gezüchtete Versuchskaninchen leicht spastisch vor sich hin zucken. Drinnen auch wir.

'Chinindrest Take-Away' (Chinesisch Indisches Restaurant Take-Away) ist ein freundliches Stück, kein zynisches Stück. Auch kein ironisches Stück. Eher sehr ernst, vielleicht mehr Schrei als Stück. Eine lächelnd geäußerte Wut, eine bunte Geste verzweifelter Hilflosigkeit und der Versuch, wenigstens klitzekleine Momente von Utopie zu behaupten; 'then the clouds come in again'.

In München steht ein Lenbachhaus, auf das wurde einst ein Satz von Jenny Holzer in Leuchtschrift montiert: "You can imagine the opposite". Aus der Welt, die Dood Paard zeigen, sind die Gegenteile längst verschwunden. Denn was sollte die Alternative zu 36.000 täglich verhungernden Kindern sein? Nokia, connecting people? Time Magazin, using the word Militainment? Don't say it's impossible, sagt die rothaarige Darstellerin. Don't act as if fiction is unreal, möchte man dem hinzufügen.
(Gisela Müller)

Big Art Group: http://www.bigartgroup.com
Dood Paard: http://www.doodpaard.nl


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