Und sie drehen sich doch ... Windkraftwerke und Himmelschoreographien: Landscapeart in Norddeutschland.

Swap. Swap. Swap. Swap.
wosh wosh wosh wosh
Zrrrrrrrrrrrrrrrrssssssssrrrrrrrrrrr
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Ein Tonbandgerät müsste man dabei haben. Einen Minidiscrecorder. Videokamera, Fotoapparat. Irgendein Aufzeichnungs-, ein Festhalte-, ein Bild- oder Ton- auf Digital- oder Magnetmediumbanngerät. Das sollte euch nicht entgangen sein! Und ich habe noch nicht einmal ein Fotohandy.

Du schlenderst durch die Landschaft, du stehst vor einem Getreidefeld. Du fragst dich, ob der Weizen lange Haare hat oder ist die Gerste die mit den Ähren, Roggen? Von der Natur hast du keine Ahnung, das ist klar. Schön ist sie trotzdem. Und was für ein Klischee: An den Bäumen hängen die noch unreifen Äpfel, die Kühe haben schwarze und weiße Flecken, glotzen, die Bienen summen, die Hummeln brummen, die Blumen blühen, duften; sehr! Typisch eben, typisch Natur. Schöner aber noch als nur Natur und pur sind diese hohen schlanken Stengel mit den drei Windflügeln oben dran. Wie die aus der typischen Natur herausragen! WKAs genannt, Windkraftanlagen, oder GROWIAN, für GRoße WInd ANlage. Manche sind bis zu 60, manche bis zu 150 Meter hoch. Freiluftkraftwerke zur Nutzung erneuerbarer Energien. Mit New Age hat das nichts zu tun.

Mit Christo und Jeanne-Claude hat es auch nichts zu tun. Obwohl. Natürlich wissen wir, was es ist. Nämlich eine ökonomische Notwendigkeit. Könnte aber auch etwas anderes sein. Ein gigantisches Landscapeart-Projekt. Ich stelle mir vor, es wäre eines. Und deshalb hätte ich gerne einen Fotoapparat, eine Videokamera, einen Minidiscrecorder - eine Gerätschaft, mittels derer ich festhalten könnte, was so flüchtig ist. Um meiner Faszination einen Ausdruck zu verleihen, eine Nach-hall-tigkeit, einen, wenn festgehalten, vergesslichen Erinnerungswert.

(So hältst du dir die Schönheit vom Leibe (oder handelt es sich hier um das Erhabene?) indem du sie benennst.)

Manche bilden Formationen. Manche stehen alleine herum. Manche in Dreiergruppen, Golgatha. Manche sehen aus, als ob die kleinen Kajüten mit den Propellern gleich wegfliegen wollten. Manche ragen bis in die Wolken. Manche tauchen bei Regenwetter aus Nebeln auf, gespenstisch. Alle drehen sich. Drehen sich mit atemberaubender Gleichförmigkeit. Elegant, gelassen, unaufgeregt. Niemals synchron.

Die Bewegung der langen, schmalen Flügel beschreibt die eigentliche Faszination. Wir, die wir nicht Natur sind (Heiner Müller), stehen im Sirren der Rotorenblätter, Köpfe in Nacken, staunen.

Wenn ich nicht wüßte, was es ist ... - Ich stelle mir keinen megalomanischen Verhüllungskünstler vor, sondern ein frei operierendes internationales KünstlerInnenkollektiv. Jedes Windrad ist von einem Künstler, einer Künstlerin erdacht und gemacht. Ein offenes Netzwerk erfahrener Windskulpteure und -modellistinnen. Ihr Material sind Lüfte aller Art. Sie recyclen Sauerstoff und Kohlendioxid, sie bearbeiten Windgeschwindigkeiten, Wettereigenheiten, Böen, Flauten, Stürme und Orkane.

Jedes Windrad spricht eine eigene Sprache, Hightechkonstrukte rotierend im Rhythmus eines archaischen Lieds. Zwiegespräche mit Wind. Drehen sich stets einen Flügelschlag langsamer als du es erwartest. Das ist ihr Geheimnis. Sie vermessen den Raum zwischen Himmel und Erde, zwischen Grashalm und Wahnsinn. Sonst haben sie nichts zu tun. Erfüllen keinen Zweck außer diesem: Sie nehmen sich Zeit. Jene Zeit, die wir verloren haben. Weil wir verlernt haben im eigenen Takt zu sein.

Nähere dich dem Projekt auf verschiedene Weise. Zu Fuß, per Fahrrad, über die Autobahn, mit dem Helikopter (wer es sich leisten kann). Keine Perspektive gleicht der anderen. Jeder Blickwinkel bleibt garantiert einmalig. Von oben eine rhizomatische Struktur, die sich aus den gedachten Linien zwischen den einzelnen WKAs ergibt. Auf der Autobahn eine heroische Phalanx, die sich dir in den Augenwinkel schiebt, und wie die Sirenen den Odysseus verführbare PKW-User vom linearen Weg abbringt. Auf dem Fahrrad eine um die eigene Achse kreisende Verwandtschaft. Zu Fuß hinter den Getreidefeldern: Eine Fata Morgana.

Es waren nur die Windräder. Es war nur elektrischer Strom aus der Steckdose. Nur so eine Idee. Dass es auch was anderes hätte sein können.

(Gisela Müller)

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