Buchbesprechung

Die Physik der Medien
Von Walter Seitter


von Horst Konietzny

Im Konzert der Veröffentlichungen zum Modekomplex der Medien fällt die Arbeit von Walter Seitter allein schon wegen des Titels auf: Die Physik der Medien". Ob Physik und Medien zusammenpassen? Auf jeden Fall macht die Auswahl der von ihm als Medien bezeichneten Phänomene neugierig. Seitter beginnt mit der Hand und endet in der Zeit. Medien sind in Seitters Auffassung Instanzen und Techniken, die dazu beitragen, dass etwas Präsenz bekommt. Die Sammlung stellt Erde, Wasser Luft und Tisch und viele Dinge mehr nebeneinander und fragt sich wozu das alles dient. Seitter möchte wissen, was eine Strasse, die Hand oder ein Bett präsent werden lassen und kommt dabei immer wieder auf originelle Formulierungen: Die Strasse ist ihm Verdichtungszone des Staates oder er beklagt die Ignoranz der Medientheoretiker, die das Obstgeschäft nicht als Medium anerkennen wollen.

"Es ist die Mitte zwischen dem Obst und mir, zwischen der Herkunft des Obstes und seiner Endbestimmung, zwischen seiner naturwüchsigen Rohheit und seiner gastronomischen Transformation. (...) Manche Geschäfte betrachte ich nicht als Kunde sondern auch in einer anderen Rolle. Sie ist mir neulich bewusst gewordern, als mich in einer Buchhandlung war, die aus bestimmten anderweitigen Gründen zwei von mir verfasste Bücher "führen", d.h. präsent halten sollte. Das erste Mal war das Buch nicht da, das zweite Mal das andere Buch. Als Autor meiner Bücher bin ich natürlich daran interessiert, dass meine Bücher auch in der Öffentlichkeit präsent sind: vor allem in Buchhandlungen. Der enttäuschte Wunsch nach Präsenz meiner Bücher hat mich glaube ich überhaupt dazu inspiriert, das Geschäft in diese meine Physik der Medien aufzunehmen."

Seitters Methode ist assoziativ, sammelnd, suchend und ohne auftrumpfenden Furor oder medienhysterische Dämonisierung. Unaufgeregt und doch immer wieder aufregend anregend.

Seitters Buch ist vor allem deswegen anregend und durchaus zu empfehlen, weil es die Achtsamkeit des Lesers schärfen will und nicht so sehr auf die eigene Originalität pocht.
Es regt an zu wiederholtem Lesen und lässt einen immer wieder an einer überraschenden Wendung innehalten. Dieses Innehalten hätte man ihm allerdings manchmal auch selbst gewünscht. Vor allem wenn er sich in seiner Gedankenführung verläuft und in seiner Begrifflichkeit verwirrend, wenn nicht ungenau wird.

Bilder beispielsweise sind ihm einmal - einem Gedanken Magrittes folgend - sichtbares Denken, dann wieder Ausdruck der bildererzeugenden Kraft des Todes im Stillleben, das Lebendes im Bild stilllegt. Nun gut, vielleicht soll man das alles nicht zu eng sehen, aber manchmal nervt diese eklektizistische Häufung von eigenen Gedanken und fremden Theorien vor allem dann wenn man einen Gedanken gerne einmal stringent durchdekliniert hätte.

Bei der Frage zum Beispiel, ob denn nun den Bildern Denkleistungen oder Stilllegungen zuzuschreiben sind oder nicht doch eher den sie erkennenden Menschen, ist es Seitter wichtiger, darauf hinzuweisen, dass man Stillleben nach der neuen Rechtschreibung mit drei Ls schreibt.

So wie Schwalllabern beispielsweise, denkt man dann kurz und liest sich doch wieder an einem schönen Einfall fest.

(horst_AT_theatermaschine.net)

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