Willkommen im Biedermeier!
Gemütliches Gemocht-Werden als Mädchenschicksal.

Ruth Kaaserers neokonservative Zumutung im Kunstverein München.


Von Silvia Bauer.

Was sind eigentlich Mädchen? Nach kleiner Irritation über das scheinbar Selbstverständliche, eine durchaus berechtigte Frage. Wir erinnern uns an "das Mädchen" Angela Merkel, die aus Helmut Kohls Schatten herausgewachsen ist zu einer ernstzunehmenden und machtbewussten Politikerin. Wir erinnern uns an den Girlie-Hype der Neunziger Jahre, an die Mutter aller Girlies, Heike Makatsch, aber auch an die Liga der Promiluder und Schlampen angeführt von Jenny Elvers. Wir denken an die MTV-Gören, die es inzwischen ins öffentlich-rechtliche Abendprogramm geschafft haben, an singende, tanzende Girl-Bands und unendlich peinliche Girl-Camps. Aber manchmal fallen uns auch ganz normale junge Frauen ein, junge Frauen im Teenageralter, die von Kindesbeinen an mit den widersprüchlichen Zuschreibungen und Zurichtungen des Frau-Seins oder Frau-Werdens, auf das jede Mädchenexistenz zustreben soll, belästigt werden.

So sind kleine, vorpubertäre Mädchen naturgemäß süß und niedlich und lieb, und gefälligst niemals wild und unerschrocken. Denn dann heißen sie neudeutsch Tomboy oder, etwas altmodischer ausgedrückt, Wildfang. Nur ein klein wenig später wird dann erwartet, sie sollten bitteschön gleichzeitig jetzt doch auch sexy und verdorben, selbstbewusst und erfolgreich sowie fürsorglich und verständnisvoll sein und tausend andere Eigenschaften mehr. Mädchen sind Gefangene der Mädchenbilder, sie sind einerseits Pippi Langstrumpf und Ronja Räubertochter, manchmal Hanni und Nanni und obendrein Lolita und Lulu. Selten dürfen sie eines sein: sie selber.

Im Münchner Kunstverein sollte nun Klarheit geschaffen werden. "Mädchen sind." lautete die Ansage mit der zum fünften Teil der Reihe "Dispositiv Workshop" eingeladen wurde, um das aktuelle Projekt von Ruth Kaaserer zu präsentieren. Ein gutes halbes Jahr bearbeitete die Künstlerin mit einer Gruppe von sechs Mädchen zwischen 16 und 20 Jahren, die sie in diversen Münchner Freizeit- und Jugendprojekten gecastet hatte, in Workshops und Diskussionen die Frage, was es heißt, heute Mädchen zu sein und insbesondere wie Mädchen im öffentlichen Raum dargestellt und medial repräsentiert werden. Die Ergebnisse der Gespräche wurden in Form einer nachgestellten Game Show inklusive Interviews, Studiogästen, Zuspielern und kleineren Spielen aufbereitet und als Video dem Publikum vorgestellt.

Gute Intention, falscher Film

Bei allem Respekt vor dem Engagement der mitwirkenden Mädchen und jungen Frauen, die sich voller Elan und Mut in das Projekt eingebracht haben und offen über ihre Erfahrungen austauschten, ist das resultierende 35-minütige Video eine Herausforderung an die Geduld und Nachsicht der Zuschauerinnen und Zuschauer.

Ein klares Konzept ist nicht zu erkennen, die viel zu vielen Themen werden ober-flächlich angerissen und sofort wieder fallen gelassen. Eine kritische Haltung wird halbherzig als Pose eingenommen, wobei ernsthafte Kritik wie Reflexion leider ebenso Fehlanzeige bleiben wie ein Verständnis oder Wissen um die gesellschaftspolitische Historizität dieses feministischen Zitats. Stilmittel der Game Show werden nur schlecht imitiert. Die technische Umsetzung ist von der Ausleuchtung über den Bildausschnitt bis hin zur Tonqualität gleichermaßen unzureichend und von einem, im Pressetext angekündigten, spielerischen Umgang mit dem Format TV-Game-Show, der Kenntnis wie bewusste Übertretung der Regeln einschließen würde, und auch die minderwertigen technischen Voraussetzungen rechtfertigen könnte, sofern sie ein klarer Kommentar zur glatten Oberfläche des Mainstream-Fernsehens darstellen würde, ist nichts zu merken.

Es ist zu einfach was hier an Problemen, an Fragestellungen und an Lösungsansätzen aufgeworfen wird. Veraltet, oberflächlich, und einfach falsch. Entweder die 32-jährige Künstlerin und Initiatorin des Projekts hatte kein wirkliches Interesse an dem, was Mädchen heute bewegt oder aber sie identifizierte sich so eng mit den teilnehmenden Mädchen, dass sie jede kritische Distanz verlor und als "großes Mädchen" selbst in die Fallen der Tyrannei des "Nett-Seins" und "Gemocht-Werdens" tappte, wie sie von den amerikanischen Psychologinnen Carol Gilligan und Lyn Brown vor mehr als zehn Jahren in ihrer wegweisenden Studie "Die verlorene Stimme" dargestellt wurden. Gilligan und Brown haben anhand von umfangreichen Langzeitstudien die schmerzhaften Anpassungsprozesse beschrieben, die Mädchen während der Adoleszenz durchlaufen und während derer sie ihre Stimme und ihren Sinn für das Eigene, das eigene Wissen und die eigene Erfahrung verlieren bzw. glauben aufgeben zu müssen, um einem konventionellen Mädchen- und Frauenbild entsprechen zu können. Eine Selbstaufgabe mit dem Ziel von anderen (Frauen wie Männern) gemocht zu werden, in Beziehung treten und in sozialen Systemen überleben zu können.

Im Morast der Geschlechterklischees

Während andere künstlerische Positionen, die sich in den letzten Jahren dem Thema Mädchen gewidmet haben, entweder aus der Perspektive der erwachsenen Frau auf die Mädchenzeit zurückblicken um die Disziplinierungen deutlich werden zu lassen oder in partizipativen Projekten Mädchen dazu ermutigen ihre widerständigen Stimmen beizubehalten und diesen Gehör zu verschaffen oder aber ambivalente Weiblichkeitsmodelle unterschiedlichster Art reflektieren, um nur einige Ansätze zu nennen, hat Ruth Kaaserer die Mädchen im Morast der Geschlechterklischees ausgesetzt und dort ohne Kompass und Karte herumirren lassen.

Und so befragen einige der Workshopteilnehmerinnen in der Münchner Innenstadt Passanten nach dem Einsatz von spärlich bekleideten Frauenkörpern in der Wer-bung. Auf die suggestiven Fragestellungen antworten Frauen wie Männer dem in dreißig Jahren Feminismus antrainierten pawlowschen Reflex folgend und kritisieren den Sexismus der Werbeindustrie oder bedauern, dass die Maxime des "Sex Sells" noch immer gelte oder fordern mehr nackte Männerkörper in der Werbung. Die Aussagen erzielen einen ähnlichen Effekt wie die trauerflorumrahmten Warnhinweise auf Zigarettenschachteln: die Inhalte sind bekannt, aber sie interessieren nicht und verleiten lediglich dazu, das eigene Gewissen zu beruhigen und dennoch mit dem "falschen Leben" fortzufahren. Besonders pikant ist jedoch, dass die Fragestellerin selbst zumindest dem sommerlichen Modediktat folgt und ihre kritischen Fragen nach zu viel nackter Haut von jungen Frauen im öffentlichen Raum stilsicher in Hüfthose und nabelfreiem Top stellt und in ihrer unbewussten Selbstinszenierung mädchenhafter Unsicherheit und scheuer Coolness kaum von einem H&M-Model zu unter-scheiden ist. Mögliche Wechselwirkungen zwischen Schönheitsidealen und Jugendkult, wie sie in Werbebotschaften vermittelt werden, und der Konstruktion des eigenen Subjekts oder der Performanz der eigenen Weiblichkeit werden von Kaaserer und ihren Mitwirkenden jedoch leider nicht weiter verfolgt und auch nicht explizit angesprochen.

Die penetrante Simplifizierung feministischer Standardthemen zieht sich durch das gesamte Video. Die sexistischen Werbebilder richteten sich an männliche Konsumenten ist eine der impliziten Thesen, als ob nicht auch gerade Frauen retouchierte Bilder wie reale Körper von Frauen mit höchster Aufmerksamkeit konsumieren und aufs kritischste kommentieren, als ob nicht Frauen auch als Produzentinnen (Chefredakteurinnen, Art Direktorinnen, Fotografinnen und nicht nur als gut bezahlte Darstellerinnen) dieser Repräsentationen an der materiellen Konkretisierung der erotischen Bildfantasien des perfekten weiblichen Körpers mitarbeiten würden.

Diesseits beständiger Dualismen

In Ruth Kaaserers Video jedoch funktionieren die guten alten Dualismen noch: da stehen Männer für Macht und Frauen sind Opfer (die moralische Verteilung von gut und böse ergibt sich da beiläufig von selbst). Und Mädchen? Nun Mädchen haben Probleme und Mädchen sind gleichzeitig auch das Problem. In der Diskussion mit den Studiogästen und zwischen den Spielen der Game Show werden die Probleme der jungen Frauen angesprochen: da geht es darum, dass Mädchen abends nicht so lange ausgehen dürfen, dass Jungs mehr Freiheiten und Freiräume genießen, darum, dass Frauen Opfer sexueller Übergriffe werden, sich aber andererseits auch zu wenig Raum nehmen und dass sie das Damoklesschwert potentieller Schwangerschaft über sich schweben haben. Als mögliche Lösungen für die sozialen Geschlechterungerechtigkeiten werden die Werte Respekt und Gleichberechtigung beschworen.

Liebe und Respekt sind auch für eine andere große Vereinfacherin und Gallionsfigur des aktuellen neokonservativen Fräuleinwunders, die Autorin Alexa Hennig von Lange, die Garanten, die die Gleichberechtigung der Geschlechter auf magische Art herbeiführen können. Es wäre beinahe rührend naiv zu nennen, wie von Lange kürzlich in der Süddeutschen Zeitung die amerikanische Schauspielerin Kate Hudson in einer Eloge rühmte, weil diese nicht nur traditionelle Rollenmuster in ihrer Ehe pflegt, sondern auch öffentlich darüber spricht. Die etwas rüde Abwertung die Hudson dafür in liberalen Zeitungen einstecken musste, verblüfft von Lange und verführt sie dazu, ihre eigene Familiengeschichte darzulegen bis hin zur tapferen Ur-Urgroßmutter, bei der Hausarbeit noch etwas wert war. Das kleine, private, bürgerliche Idyll - die Frau backt Kekse, der Mann isst sie - ist das biedermeierliche Ideal liebevoller Arbeitsteilung, das von Lange beschwört. Dabei nimmt sie zwar am Rande zur Kenntnis, dass zur Zeit der Ur-Urgroßmutter, die Ehe in erster Linie eine Frage materieller Absicherung und nicht der gegenseitigen Zuneigung war, dass die Großmutter die Rückkehr des Gatten aus der Kriegsgefangenschaft nicht gerade mit Jubel begrüßte und dass die Müttergeneration vor den Negativfolgen der Heirat warnte, trotzdem singt von Lange das Glaubensbekenntnis der romantischen Liebe. Dass bei dieser das schwarze Begehren und selbst der Tod nicht weit sind, bezahlen unzählige Frauen mit ihrem Leben. Ein Bericht des Bundesfrauenministeriums hat kürzlich aufrüttelnde Zahlen über die alltäglichen Gewalterfahrungen von Frauen veröffentlicht und erst im Sommer 2003 sorgte der Tod der französischen Schauspielerin Marie Trintignant, die von ihrem Lebenspartner, dem Sänger der Band Noir Désir, zu Tode geprügelt wurde, für temporäres Medieninteresse an Todesopfern ehelicher Gewalt.

Die Unbedarftheit mit der Kaaserer in ihrem Projekt die Mädchen Klischees reproduzieren lässt und dabei den interessanten und heiklen Fragen ausweicht, ist symptomatisch für den aktuellen Backlash der Geschlechterverhältnisse. Die künstlerische Auseinandersetzung mit Genderfragen ist für junge Künstlerinnen nach wie vor ein gutes Marketinginstrument, sofern die Aussagen nicht zu kritisch, die Ästhetik nicht zu krude und das Thema nicht tabuisiert ist.

Was sind Mädchen?

Und was sind Mädchen nicht? Welche Lebenserfahrungen werden anerkannt und welche werden in der Öffentlichkeit ausgeblendet und in Sonderfällen als außergewöhnliche Monstrosität mit Schaudern zur Kenntnis genommen. Was ist der Preis für Anpassung oder Ablehnung der sozialen Bilder jugendlicher Weiblichkeit? Mädchen sind fünfzehnjährige tschetschenische "Schwarze Witwen", die sich einen Sprengstoffgürtel anlegen und damit als Selbstmordattentäterinnen in Beslan oder Moskau in die Luft jagen, Mädchen sind Elfjährige, die in Eritrea als Kindersoldatinnen morden. Mädchen sind Dreizehnjährige, die deutschen Sextouristen in Thailand oder der Tschechei ihre pädophilen Träume erfüllen. Mädchen sind genauso Töchter und Nichten, die von ihren Vätern und Onkeln (und bisweilen den Müttern und Tanten) sexuell missbraucht werden, Mädchen, die ihren Körper auf dem Babystrich anbieten, Mädchen, die ihren Körper zu beherrschen und zu gestalten suchen, und dabei Anorexie und Bulimie entwickeln. Mädchen sind die, die alle Normen und Erwartungen übererfüllen und ihr eigenes Wohl zugunsten anderer hintanstellen. Mädchen verlieren sich um zu gefallen. Mädchen sind die, die andere Mädchen lieben und begehren. Mädchen sind die, die andere Mädchen ständig beurteilen und schikanieren: zu dick, zu dünn, zu groß, zu klein, zu dunkel, zu hell ...

... nicht nett und auch nicht mädchenhaft

Die Probleme die Mädchen haben sind die Probleme, die die Gesellschaft, in der die Mädchen aufwachsen, prägen. Und deshalb führt die Frage danach, was Mädchen sind unweigerlich an den Kristallisationspunkt an dem die gewaltförmigen sozialen Machtverhältnisse und Konfliktherde erkennbar werden. Darüber öffentlich zu reden wäre aber nicht nett und auch nicht mädchenhaft. Ein spannender Moment ist daher das Interview mit einer Sozialpädagogin in einem Mädchenprojekt für Flüchtlinge, die in einem Nebensatz darauf hinweist, dass sich die Mädchen durch ihr Verhalten bisweilen selbst Probleme schaffen, dass die Verweigerung der gesellschaftlich geforderten Anpassungsleistung zur Eskalation und schließlich zur Repression führt (und damit gleichzeitig die gesellschaftlichen Widersprüche eklatant sichtbar werden lässt). Doch auch hier wird von der Diskussionsrunde nur das Stichwort "Problem" aufgegriffen und auf Differenzierungen verzichtet, was mindestens so ärgerlich ist wie der Umstand dass an einer anderen Stelle das administrative, politische Instrument des Gender Mainstreaming mit der theoretischen Analysekategorie Gender verwechselt wird.

Keinen Raum erhalten bei Ruth Kaaserer die Mädchen, die sich durch Individualität oder komplexere Erfahrungen gängigen Mädchen-Klischees entziehen. Das einzige lesbische Mädchen in der Gruppe tat gut daran, sich vor der Kamera nicht zu outen. Offensichtlich war sie klug genug, dem Konzept der Künstlerin zu misstrauen und sich nicht dem bürgerlichen Kunstpublikum als authentische "Andere", als Repräsentantin von subversivem "Lesbian Chic" anzudienen, sondern lieber unsichtbar zu bleiben. Und Kaaserer lässt, als das Thema in der Diskussion kurz aufscheint, die Gelegenheit, den Alltagserfahrungen lesbischer oder bisexueller Mädchen diskursiven Raum zu geben, ungenutzt verstreichen. Auch die spezifischen, doch typischen Erfahrungen schwarzer Mädchen, nicht-deutscher Mädchen, körperbehinderter Mädchen werden, obgleich in der Gruppe präsent, nicht explizit behandelt, die Überlagerungen und mehrfachen Ausgrenzungserfahrungen sexistischer, rassistischer, homophober oder behindertenfeindlicher Diskriminierung werden nicht thematisiert.

Dekontextualisierung und fataler Allgemeingültigkeitsanspruch

Das Prekäre an einem Projekt wie "Mädchen sind." ist die radikale Dekontextualisierung, die zugleich eine unbehaglich stimmende Allgemeingültigkeit für sich in An-spruch nimmt. Die Differenzen zwischen Mädchen werden zwar vordergründig durch ein politisch überkorrektes Casting abgebildet, die tatsächlichen sozialen und (identitäts-)politischen Differenzen zwischen den Teilnehmerinnen werden aber ausgeblendet. Positionen, die über Jahrzehnte von Frauenbewegung und feministischer Theorie erarbeitet worden sind, werden nicht zur Kenntnis genommen; die mädchenpolitische Arbeit von sozialen Jugendprojekten vor Ort, die in großer Zahl sehr ähnliche, prozessorientierte Videoprojekte mit jungen Frauen durchführen, werden weder integriert noch sonst wie beachtet.

Das Reflexionsniveau in den Diskussionen reicht an die Selbsterfahrungsgruppen der Mütter- und Großmüttergeneration, die als Vorläufer des eigenen Diskurses nicht (an-)erkannt werden, nicht heran und erschöpft sich in - wenngleich nicht unwichtigen - Selbstbestätigungsritualen wie Versicherungen, wie nett es doch miteinander war und wie viel Spaß man miteinander hatte. Aber gemütliches Gemocht-Werden im sedierten Zustand hilft nicht weiter, sondern betäubt nur die schmerzliche Erkenntnis der eigenen Abhängigkeit, Unfreiheit und Fremdbestimmung. Mädchen und junge Frauen, die soziale oder individuelle Veränderungen anstrebten, von Sophie Scholl bis Phoolan Devi, haben irgendwann damit begonnen, das Wagnis von Freiheit und Selbstbestimmung auf sich zu nehmen, sich selbst ernst zu nehmen und lieber unbequem zu sein als von allen gemocht zu werden. Und selbst das konservative Mädchen Angela Merkel erwarb sich erst da Respekt, als ihr das Wohlwollen ihres Mentors gleichgültig wurde. Der neokonservative Trend zum harmonischen Biedermeier aber verleugnet die Gewalt, der er sich unterwirft.

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