Liebe braucht nur 160 Zeichen
Auszüge aus einem SMS-Wettbewerb in der Schweiz, bei dem Jugendliche dazu aufgefordert waren, mit maximal 160 Zeichen liebe Worte zu verschicken, ist nun als Buch erschienen.

von Burkhard Reitz

Liebeserklärungen mit maximal 160 Zeichen sind möglich. Während einige Lehrer und notorische Sprachpfleger über den Verfall der der Sprachkultur durch SMS klagen, sind nun prämierte SMS-Liebesgedichte in Buchform erschienen.

Erst kürzlich schaffte es ein Text in den Blätterwald der Medien, den eine 13-jährige Schülerin aus Schottland im letzten Jahr als Aufsatz über ihre Sommerferien vorgelegt hatte:

My smmr hols wr CWOT. B4, we usd 2 go NY 2C my bro, his GF & thr 3 :-@ kds FTF. ILNY, its gr8. Bt my Ps wr so {:-/ BC o 9/11 tht they dcdd 2 stay in SCO & spnd 2wks upN.
:-@ kds FTF

Dass der betroffene Lehrer dies als Beispiel eines dramatischen Sprachverfalls interpretierte, hing jedoch nicht damit zusammen, dass der Text fehlerhaft gewesen wäre. Er konnte schlicht die vorliegenden Zeichen nicht übersetzen. Die Schülerin benutzte schließlich keine Privat- sondern eine weitgehend standardisierte SMS-Sprache, bestehend aus einfachen Wortabkürzungen und piktorialen Verdichtungen (:-@ kds FTF = screaming kids face to face).

Dass es sich hier um den Niederschlag einer weitgehend standardisierten Kommunikationsform handelt, haben nicht zuletzt die sprachwissenschaftlichen Forschungen von Jannis Androutsopoulos (Institut für Deutsche Sprache Mannheim) gezeigt.

Auch die Tatsache, dass ein neues schwul-lesbisches Jugendmagazin für seinen Titel "Seidu" gerade die Schreibweise "s(-:du" gewählt hat, kann als Symptom dafür gelten, dass sich Zeichen der SMS-Kommunikation zunehmend verbreiten.

Am Berliner Alexanderplatz verwandelte der "Chaos Computer Club" die Fassade eines Plattenbaus zum Monitor, dessen beleuchtete Fenster als Pixel zur Darstellung riesiger grafischer Animationen dienten, die sich von außen über SMS-Zusendungen beeinflussen ließen. Im U-Bahnschacht bestand parallel dazu die Möglichkeit, SMS-Sprachmitteilungen zur Projektion auf weißen Werbeflächen und damit aus der Anonymität heraus ins Licht der Öffentlichkeit zu verhelfen. In beiden Fällen wurde das Handy zum Steuerungs- und Gestaltungsmedium des öffentlichen Raumes und verschaffte der ansonsten intimen SMS-Kommunikation ein größeres Publikum.

Das ist wohl auch ein Anliegen der zahlreichen SMS-Literaturwettbewerbe, die bereits ihren Niederschlag in mehreren Buchpublikationen gefunden haben. Das jüngste Projekt dieser Art stammt nun aus der Schweiz und heißt "Liebe 160." Am Valentinstag dieses Jahres war der Einsendeschluss für Texte, die zur Auflage hatten, das SMS-Limit von 160 Zeichen nicht zu überschreiten, und anders als bei vorausgegangenen SMS-Wettbewerben auch wirklich über das Handy (und nicht etwa als E-Mail) eingesendet worden sind. Veröffentlicht wurden nun die von einer Jury ausgewählten Beiträgen des Wettbewerbs, wie etwa:

"Du bisch mir bestimmt wies sms am natel!
Du bringsch de normalbetrieb durenand!
Näbe dir verblassed die schönste logos! Di rington bringt mis display zum lüchte!"

burkhard@theatermaschine.net


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