Theaterwissenschaftlicher Kongress Hildesheim, 2002

Der Kongress tanzt nicht.
Eindrücke vom internationalen Kongress: Theaterwissenschaft und Theaterpraxis.


logo_kongressEs geht vielversprechend los: Das Programm des internationalen Kongresses der Gesellschaft für Theaterwissenschaft spart nicht mit großen Namen und spannt einen weiten Bogen über Theorie und Praxis des Theaters. Wobei man das mit dem Theater nicht so eng sieht. Schließlich sieht sich die Theaterwissenschaft mit rückläufigen Studentenzahlen im Sog des leckgeschlagenen Theatersystems der gewohnten Prägung.
Da möchte man natürlich rechtzeitig vorbeugen und gibt sich flott und zukunftsgewandt. Im Diplomstudiengang "Szenische Künste" der ausrichtenden Universität Hildesheim werden deshalb auch keine Theaterfachleute ausgebildet, sondern "mediale Kulturvermittler im weitesten Sinne".

Fragen der Intermedialität und die Suche nach neuen Ästhetiken sind also wesentliche Bestandteile des Kongresses der in mehreren Sektionen ausgewählte Aufführungen reflektiert und verschiedene Ausbildungskonzepte und Studiengänge diskutiert.

Auftakt mit Prof. Heiner Goebbels. Am Beispiel seiner Produktion "Eislermaterial" gibt er Einblicke in seine Arbeitsauffassung. Analytisch, selbstkritisch um Distanz zur eigenen Arbeit bemüht. Die Theorie ist ihm ein Abstandhalter zur Praxis. Einer Praxis des Theatermachens, die wie es seine Vorliebe für das selbstbestimmte Ensemble Modern nahelegt, nichts mit dem häufig anzutreffenden Gestus des Regiediktators zu tun hat, sondern mit dem gemeinsamen Ringen um den bestmöglichen Ausdruck. Kunst ist ihm die Suche nach dem noch nicht gesehenen Bild und dem noch nicht gefundenen Begriff. Goebbels präsentiert präzise, präsent und unterhaltsam. Ein Genuß und ein toller Beginn.

Thomas Oberender, Dramaturg des Schauspiels Bochum, hält den zweiten Eröffnungsvortrag. Ihm geht es um das Sehen des Sehens, um eine Sensibilisierung für die wirklichkeitsschaffende Kraft des Blickes. Oberender präsentiert sich als Dramaturg, den sich jeder Regisseur, auch als Schutz vor sich selbst, wünschen müßte. Denn zum Wesen des Regisseurs gehört es, vorzusehen, zuzusehen und das Sichtbare zu bestimmen - aber dabei möglicherweise die Kraft des Stückes, die sich im Unsichtbaren entfaltet, zu zerstören. "Was passiert, wenn niemand zusieht, in der Geheimniszeit der Stücke?"

Oberender gibt keine Antwort, sondern stellt Fragen. Wie geraten Ereignisse in die Schwebe? Wie lassen sie sich stören, ohne dass sie zer-stört werden? Hier wird eine Haltung zu Theater spürbar, die den Gestus der Macht in Frage stellt und eine Sehnsucht weckt nach einem Theater in dem nicht individueller Geschmack und Machtkalkül vorherrschen, sondern Phantasie, Sensibilität und wacher Sinn. Dinge werden ins Zwielicht gerückt, um sie für Augenblicke scharf sehen zu können.

Der größte Teil des Vortrags widmet sich einer Darstellung der situationistischen Konzepte und ihrem Protagonisten Guy Debort (siehe auch: "Die Gesellschaft des Spektakels, das Alltagsleben und die Kunst der Entwendung ". "Die Leidenschaften sind oft genug interpretiert worden. Es kommt jetzt darauf an, neue zu erfinden." Mit diesem Satz von Guy Debort im Ohr geht es nun fröhlich weiter im Kongress. Dort wird er allerdings leider nicht gehört.

Zumindest nicht in den Veranstaltungen, die ich mir aus dem Überangebot herausgesucht hatte. Festzuhalten bleibt, dass sich aller runderneuerter Studiengänge zum Trotz etwas nicht verändert hat: Die unsägliche Vortragsweise des akademischen Referats. Das wird auch nicht besser dadurch, dass man es gerne "Lecture Performance" nennt und dann - nun vermutlich mit Kunstanspruch - haspelt, nuschelt und durch den Text eilt, als gelte es als erster das Salatbuffet der Mensa zu stürmen.

Woher dieses Problem rührt, kann man dann allerdings beispielhaft an der Anmoderation des Auftritts von Elisabeth Schweeger und Tom Stromberg durch den Dekan der Hildesheimer Kulturwissenschaften Professor Dr. Wolfgang Schneider erleben. Er spricht von "Apparaten, Tankern und Leuchttürmen" und will dem Titel nach wohl auch etwas über Standorte des Theaters und Alternativen dazu sagen, bringt aber eine Begräbnisrede zustande, die man sich nicht mal für die anonyme Bestattung wünschte. Als "Lecture Performance" allerdings auch schon wieder gut. Diese Monotonie muß man erst mal hinbekommen. Die Einstimmung für das folgende Lamento der IntendantInnen ist somit gelungen.

Nun folgen ausführliche Beschreibungen der Kümmernisse des Intendantenberufs. Gedacht vermutlich als abschreckende Berufsberatung für den versammelten Nachwuchs. Schreckliche Geschichten von Zuschauern, die nichts lernen wollen und Kulturpolitikern, die nichts gelernt haben. Die ungestellte Frage, ob sich deren vehement konstatierte Unfähigkeit auch schon bei der Intendantenwahl gezeigt hatte bleibt dann auch unbeantwortet. Zumindest Herr Stromberg habe die Zeit zur eigenen Weiterbildung genutzt und dazugelernt. Er weiß jetzt, dass man nicht jeden neuen Quatsch mitmachen muß, sondern weist seine jungen Regisseure darauf hin, dass ja alles in den guten alten Klassikern schon - und besser! - gesagt wurde. Er sei jetzt da, wo sein Vater vor 40 Jahren als Intendant in Augsburg war. Das ist doch ein Wort. Jetzt weiß man wenigstens, wo sein Theater nach weiteren drei Jahren seiner Intendanz stehen würde.

Von seinen Zuschauern muß er nicht befürchten, allein gelassen zu werden, denn die kommen trotz seiner Anwesenheit. Wie er in einer schönen Anekdote berichtet, erwiderte ein offensichtlich permanent enttäuschter Besucher, der das Besuchen dennoch nicht lassen mochte auf seine Nachfrage: "Ich besuche dieses Theater seit 40 Jahren, da werde ich mich doch von Ihnen nicht davon abbringen lassen".

Möge er lange leben ...

(Horst Konietzny)

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