KOMMENTAR

Nicht nur ein Fall fürs Feuilleton
Die Kommunikation über Handy-Kurznachrichten wird zum Massenphänomen und fordert neben den Feuilletonisten auch das Theater zur Stellungnahme heraus.

Die Handy-Kommunikation ist mittlerweile selbstverständlicher Bestandteil unseres Alltagslebens geworden und somit selbst zum Kulturgut gereift. Feuilletonisten und Zeitdiagnostiker nehmen sich des Themas an, sinnieren über Wohl und Weh dieses Phänomens. Wie bei jedem neuen Medium treten Kulturpessimisten auf den Plan und beschwören die Ablösung der älteren Kommunikationsformen, die Verrohung der Hochkultur und weisen den Weg in eine apokalyptisch anmutende Gesellschaft. Kürzlich erst geißelte die Wochenzeitung "Die Zeit" die neuen mobilen Kommunikationsformen des Multimedia Messaging (MMS), bei dem Bilder, Musik und kleinere Filme verschickt werden können, als "eitlen Ich-Beleg" einer egomanisch werdenden Gesellschaft. Und selbst die längst bekannten Kurzmitteilungen (SMS) wurden abgewatscht. Sie seien mit "fahriger Hand" getippt und hätten mit den guten alten Briefen nichts gemein.

Dabei konnte doch die Medien- und Sprachwissenschaft der letzten Jahre den immer noch verbreiteten Irrglauben widerlegen, dass neue Medien alte ersetzen würden. Insbesondere die sprachwissenschaftliche Forschung der ausgehenden Neunziger Jahre erkannte, dass die Nutzung neuer Kommunikationsmöglichkeiten einem Informations- und Kommunikationsbedürfnis folgt, das die alten Medien nicht befriedigen konnten. Und auch, dass Texte und Erzählstrukturen, die aufgrund der Nutzung neuer Kommunikationsmöglichkeiten entstehen, herkömmliche Textmuster nicht ablösen, sondern zunächst ergänzend und bereichernd wirken. Welchen symbolischen Wert sie bekommen, welche Verbreitung sie erfahren, bestimmen die Dynamiken unserer Gesellschaft. Der bekannte Soziologe Bourdieu hat dafür den Begriff des "sprachlichen Marktes" entwickelt, wonach in jeder Kultur verschiedene Sprachformen um soziale Anerkennung konkurrieren. Die Süddeutsche Zeitung diagnostizierte bereits eine Abnahme des "Schwall-Quotienten im Alltag" und damit eine tiefgreifende "Reformierung der geschriebenen und gesprochenen Sprache" durch die SMS/MMS-Technik: "Je mehr Handys in Umlauf kommen, desto disziplinierter wird kommuniziert in Deutschland", urteilt das Blatt.

Ob man solche neu entstandenen sprachlichen Realitäten nun als Disziplinierung feiert oder als fahrig stigmatisiert, bleibt Aufgabe der gesellschaftskritischen Reflektion. Hier ist neben dem feuilletonistischen Diskurs auch das Theater nötig, um Stellung zu beziehen. Das kann etwa mit einem speziellen Textdesign geschehen, wie beispielsweise durch Verwendung von konkretem Sprachmaterial aus der Kommunikation mit Kurznachrichten oder auch über ein Spiel mit stilistisch-szenischen Fragmenten. Selbst eine komplette Ignoranz gegenüber neuen sprachlichen Phänomenen, ist eine dramaturgische, letztlich auch eine gesellschaftliche Position vor dem Hintergrund unserer sich stetig verändernden Sprach-Realität.

Da also in unserer Gesellschaft durch den technischen Fortschritt neue Sprachmuster, Erzählformen und Sprechstile entstehen, kann das Theater, welches als Teil dieses sozialen Systems operiert, sich solchen Phänomenen nicht wirklich verschließen. Es kann solch neues Sprachmaterial als "fahrig" abstempeln und ignorieren. Damit droht jedoch das Theater an sozialer Relevanz einzubüßen. Im positiven Sinne bleibt die Möglichkeit, veränderte Erzählstrukturen aufzunehmen, Stellung zu beziehen, sie zu verarbeiten um letztlich der Gesellschaft, die es trägt und aus der heraus es operiert, anregende Impulse zurückgeben zu können. ­ Eine Möglichkeit, die den rein urteilenden Feuilletonisten nur begrenzt zur Verfügung steht.
(Burkhard Reitz)


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