DANCE 2004
Jagd auf Westwärts
oder: Im Herbst der Moderne

Tero Saarinen & Company (Finnland)


Der Eröffnungsabend des diesjährigen DANCE Festivals liegt nun bereits einige Zeit zurück. Bei der gegenwärtigen Schnelllebigkeit des Festival- und Veranstaltungsbetriebs stellt sich die Frage, ob eine Erwähnung des Gesehenen im späten Nachhinein überhaupt noch lohnt. Andererseits ermöglicht die zeitliche Distanz eine Betrachtung substantiellerer Art, eine Spurensuche nach dem, "was hängen bleibt".

Was also blieb haften von der Aufführung des Finnen Tero Saarinen und seiner Company? Welche Eindrücke scheinen auch nachträglich erwähnens- und erzählenswert?

Zunächst die Bilder. Drei Männer in einer weißen Landschaft. Ein aufs innigste entzweites Paar. Ein vollkommen verrückter Vogel. - Drei Stücke: "Westward Ho!", "Wavelengths", "Hunt". Alle drei mit großer Perfektion, großem Können und Körperbeherrschung getanzt. Angenehme Reminiszenzen an klassischen Tanz. Ein Paar, das tatsächlich in Beziehung zueinander agiert, mit körperlicher Sinnlichkeit und Zärtlichkeit, die im Laufe der (postmodernen) Dekonstruktion des Mediums 'Tanz' völlig verloren gegangen zu sein scheint. Und wie raffiniert, ausgerechnet diese Produktion an den Anfang eines Festivals für zeitgenössischen Tanz zu stellen. Ein Ausgangspunkt, etwas, das verschwunden ist, eine Sehnsucht, die wir, die BetrachterInnen, noch immer in uns tragen. Dass wir das Gesehene nicht nur mit dem Verstand erfassen, sondern angerührt werden. Dass es ergreift wie die Hand des Tänzers zärtlich brutal die Kehle seiner Tänzerin.

Dann die Musik. So wunderbar verblichen im ersten Stück, "Westward Ho!", ein paar Kratzer, eine rostige Stimme, die letzten übrigen Erinnerungen an Melodie. Uns genügt das schon, das Kaputte kann so richtig sein. Die drei Tänzer, wer sind sie? Was machen sie? Engel bei der Arbeit? Ein Tag im Himmel, das Säen der Revolution und der immer gleiche Ausgang. Dass es nichts wird mit Revolution und mit den Utopien. Dass diese Menschen, und die Engel müssen das nun leidlich ausgleichen, in ihren kleinlichen Zappeleien alles vermurksen, sich und ihren Träumen ständig im Wege stehen. Die Engel schuften schwer. Die Welt wenigstens einigermaßen in Balance zu halten. Und doch hat ihre Schwerstarbeit viel Leichtigkeit. Könnte man diesen Himmel, Ho!, nicht auf die Erde kippen? Wir würden ein wenig tanzen und lächeln würden wir. Über die Absurditäten unserer Wichtigkeit.

dance2004Die Musik, noch einmal. Aber was war das?! Das dritte Stück, "Hunt", gänzlich im Irdischen gelandet - und wir: im falschen Stück?? Kann, ja darf man denn bei einem Festival für zeitgenössischen Tanz auf Stravinskys 'Sacre du Printemps' noch tanzen? Ist das denn die Möglichkeit?!
Es ist, bzw. war. Das Befremden wich das gesamte Frühlingsopfer lang nicht. Da setzte der Verstand wieder ein, eine nicht mehr aufzuhebende Distanz aufgrund des allzu Vertrauten. Da waren sie wieder: all die Gesten der Moderne. Das Heroische, das Tragische, die Trauer; die Unüberwindbarkeit des Schmerzes; die Selbstgefälligkeit des Leidens; die Einsamkeit des Subjekts; der zur Geschlechtslosigkeit verdammte Faun. Ach nein, da waren wir doch schon. Da wollen wir nicht mehr hin zurück! Und wie seltsam historisch dieser Tanz plötzlich anmutete. Trotz hochprofessioneller Videoprojektionen auf den geschundenen Tänzerleib und sein Kleid. Und plötzlich auch war es zu MTV nicht mehr weit, von Dalís / Man Rays zerschnittenem Auge zu Peter Gabriels Sledge Hammer. "Hunt", Jagd, ein Stück, so könnte man es lesen, über die Ästhetik der Zerstückeltheit der Projektionen auf das Selbst und deren andauerndem Triumph. Erschütternd aber vielleicht wahr. Und die Sehnsucht nach Leichtigkeit und reiner Weißheit wäre nur die Rückseite des noch immer uneingelösten (und noch von nichts abgelöstem) Versprechens der Moderne. - Hunt, wer jagte hier wen?

(Gisela Müller)

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