DANCE 2004
Märchenhafte Kon/Fusionen:
Wie Akram Khan unsere Vorstellungen auf den Kopf stellt


Von Silvia Bauer.

Wir sind es gewohnt in Oppositionen zu denken, in Gegensätzen und Gewissheiten, die unvereinbar sind und bleiben müssen, um unser Weltbild nicht zu gefährden. Ost und West, Licht und Dunkel, Himmel und Erde, hier und dort, wir und die anderen. Solche Gegebenheiten zu überschreiten oder aufzulösen ist nur im Traum möglich oder im Märchen, und ein solches indisches Märchen erzählen Akram Khan und seine Company mit "ma", das bei DANCE 2004 gezeigt wurde.

dance04Der Londoner Choreograph und Tänzer Akram Khan hat sich für die Geschichte, die er erzählt, tatkräftige Unterstützung geholt. Da sind nicht nur die sechs Tänzerinnen und Tänzer seiner Company, mit denen Khan gemeinsam auf der Bühne steht, sowie die Cellistin Natalie Rosario, der Perkussionist B.C. Manjunath und der Sänger Faheem Mazhar, sondern auch die Komposition von Riccardo Nova und die ergänzend eingespielten Musikaufnahmen des Ictus Ensembles. Der Text des Märchens wurde von Hanif Kureishi, dem erfolgreichen Dramatiker, Drehbuch- und Romanautor (My Beautiful Laundrette, Buddha of Suburbia), verfasst.

Das Crossover von britischer und südasiatischer Kultur, vorangetrieben durch Künstler anglo-asiatischer Herkunft, deren Eltern oder Großeltern vom Subkontinent in die ehemalige Hauptstadt des British Empire immigrierten, hat der britischen Kunst- und Kulturszene in den letzten Dekaden regelmäßig kreative und innovative Impulse beschert, und ist mit der typischen zeitlichen Verzögerung auch in Deutschland wahrgenommen worden: von agitpropnahen Bands wie Asian Dub Foundation und Fun-da-metal bis zum populären Mainstream von Banghra und Bollywood, von Filmemacherinnen wie Gurinder Chadha (Bend it like Beckham) und Allround-Talenten wie der Schauspielerin und Autorin Meera Syal (Bhaji on the Beach, Anita and Me), die auch das Libretto zum jüngsten Lloyd-Webber Erfolgsmusical Bombay Dreams schrieb, bis hin zu Farah Khan, einer der bekanntesten Choreographinnen für die Tanzsequenzen in Bollywood-Filmen.

Indische Erzähltraditionen mit postmoderner Multiperspektivität

Der dreißigjährige Akram Khan, dessen Großeltern aus Bangladesch nach England kamen, und der zwanzig Jahre ältere Hanif Kureishi, Sohn eines Pakistani und einer Britin, verbinden in "ma" den klassischen indischen Kathak mit zeitgenössischem Tanz westlicher Prägung und indische Erzähltraditionen mit postmoderner Multiperspektivität. Dabei ist bereits der klassische Kathak eine Entwicklung interkultureller Synergien. Er entwickelte sich vor gut 500 Jahren unter der Herrschaft der Moguln aus Elementen hinduistischer und moslemischer Traditionen.
Kathak ist eine klassische Erzählform hinduistischer Göttermythen und gleichzeitig Ausdruck der nuancenreichen ästhetischen Prinzipien der islamischen Kultur. Der Tanz zeichnet sich durch mathematisch präzise, anspruchsvolle rhythmische Fußarbeit und spektakuläre Sprünge und Drehungen aus. Der für westliche Ohren ungewohnte Siebener-Takt spiegelt sich in der (inklusive Khan selbst) aus sieben Tänzerinnen und Tänzern bestehenden Company wieder, die, anders als im klassischen Kathak, kaum als Solisten, sondern als stimmiges Ensemble hervortreten und eine beeindruckende Leistung bieten. Stellenweise verschmelzen die Körper der Tänzer zu einem einzigen, einzigartigen Gebilde, einer Lotusblume, die sich allmählich entfaltet, oder zu Göttergestalten, die als Schattenbilder an der Bühnenrückwand erscheinen. Der klassische indische Gesang, das scat-ähnliche Silbenzählen und mantraähnliche Rhythmussingen, wird ergänzt durch die islamischen Gesänge von Faheem Mazhar.

Neben der technischen Präzision beeindruckt der Tänzer Akram Khan durch seine enorme Ausdruckskraft und die Gänsehaut hervorrufenden schnellen Wechsel zwischen kraftvollen Drehungen und sanften, expressiven Armbewegungen. Die Bewegungen der Hände und Arme, die Mudras, haben, wie bei allen klassischen indischen Tänzen, ihre eigene Sprache und Bedeutungsvielfalt. Diese vermittelt Khan als er mit dem Perkussionisten in den Dialog tritt. Das stakkatohafte Silbensingen wird dabei gleichzeitig als Zwiegespräch dekodierbar und verweist auf eine Bedeutung, die, so lassen es zwei der Silben, die Khan für uns ins Englische übersetzt, ahnen, alles zwischen Himmel und Erde umfasst. Der Dialog akzentuiert exemplarisch die stetige Interaktion zwischen Musikern und Tänzern, die, anders als in der klassischen westlichen Tradition, keine klare Trennung zwischen den verschiedenen Erzählelementen und keine eindeutige Führung zulässt.

Perspektiven der Umkehrung

Ein zentrales Bild von "ma", das auf Hindi sowohl "Mutter" wie auch "Erde" heißt, ist der kopfüber hängende oder stehende Körper. Mit diesem Bild, einem vom Bühnenhimmel kopfüber herabhängendem Körper, beginnt die Vorstellung und erinnert vage einerseits an den vor der Skyline vom Kran herabhängenden Robbie Williams ­ Emblem der Escapology-Tour und Coverfoto des gleichnamigen Albums ­ und andererseits an die Figur des Gehängten aus dem Tarot: mythische Bilder der Erneuerung, des Kräfte Sammelns, des Loslassens und der Wiedergeburt. In den Tanzszenen scheinen Kopfüberdrehungen und -Bewegungen wiederholt auf, insbesondere kopfstandähnliche Yoga-Asanas, die Bildern von knorrigen Bäumen ähneln.

In der Geschichte, die Akram Khan endlich erzählt, berichtet er von einer Kindheitserinnerung: als kleiner Junge hängte er sich im Garten kopfüber vom Baum herab und stellte sich vor, wie all die verwirrenden Gedanken in den Boden fielen und sein Kopf frei und klar wurde. An einer anderen Stelle, in einer anderen Phase der Erzählung wird die Vorstellung beschrieben, wie, einem Baum gleich, der Kopf in der Erde wurzelt und die Beine in den Himmel wachsen.

Schließlich, gegen Ende des Abend bewegen sich zwei Tänzerinnen im Dreifüßlerstand, das andere Bein keck in die Luft gestreckt, an die Rampe und erzählen dem Publikum das auf dem Programmzettel abgedruckte "indische Mädchen" von der jungen Frau, die keine Kinder bekommen kann und Gott um Hilfe bittet. Die Samen, die sie kurz darauf erhält, sät sie aus und hegt und pflegt die Pflanzen. Nur Kinder bekommt sie immer noch keine. Als sie Gott wieder anruft, meint der, die Pflanzen seien ihre Kinder, da sie für diese die gleichen Gefühle empfinde wie eine Mutter für ihre Kinder. Der Vortrag des Märchens durch die eine Tänzerin wird durch die zweite immer wieder unterbrochen, Details der Geschichte werden angezweifelt, korrigiert. Geschah es im Haus oder im Garten? Lagen die Samen auf dem Tisch oder auf dem Boden? Waren es Blumen oder Bäume? "Trees, I like trees," wird die Definition der Pflanzen am Ende entschieden.

Die Perspektiven ändern sich, wenn man die Denkrichtung ändert, eine andere Weltsicht wird möglich: während im Westen über den demographischen Wandel und der Geburtenrückgang lamentiert wird, ist nicht nur im Osten und Süden, sondern letztlich global, die Überbevölkerung das Problem. Das Schöpferische findet sich nicht vorrangig in der Reproduktion der eigenen Art, sondern in der Haltung zu Kreation und Kreatur überhaupt, ob menschlich oder pflanzlich (oder ­ mit Latour ­ dinglich), in der Hingabe an die eigene Aufgabe. Die Schönheit, die Akram Khans Vision des "Contemporary Kathak" ausstrahlt, die Befreiung der auf Binarität und Realität fixierten Beobachtung zugunsten einer mehrwertigen Sichtweise, nicht zuletzt die Konzentration der aufmerksamen Wahrnehmung, die "ma" auch von den Zuschauern auf angenehme Weise einfordert, verleihen dem Stück Tiefe und Leichtigkeit, transformieren in ihrer Verbindung Denken und Fühlen, Körper und Geist.

Das Festivalpublikum im Carl-Orff-Saal machte die Transformation mit. Am Ende langanhaltender Applaus und Standing Ovations.

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