AKTUELLE KRITIK

Lalala Human Steps (Kanada): AMELIA
Eine Produktion im Rahmen von DANCE 2002

Auf die Spitze getrieben

Die Vorstellung beginnt eine halbe Stunde früher oder später. Wir stehen vor dem Prinzeregententheater in München. Über die Straße kann man in das beleuchtete Fenster eines Fitness-Studios schauen, wo sich gerade etwa zwanzig Damen in farbenfrohen Bodies und hautengen Leggins in den Feierabend trainieren. Sie steppen vor und zurück, strecken die Arme, kreuzen die Beine, krümmen die Rücken, einem lautlosen Kommando folgend, seltsam mechanisch, seltsam anzusehen.

So auch drinnen im Theater. Von der Decke schwebt ein riesiger Spiegel mit einem Häkelnetz davor. Im Spiegel dreht und wendet sich ein Tänzerinnen-Avatar, schaut uns aus großen Barbieaugen an. It's a virtual world. Dann materialisiert sich das Videopüppchen auf dem Parkett in fünffacher Ausfertigung. Billy, ihr Plastikmann ist auch schon da, vierfach. Eine blonde Sängerin singt Lyrics von Lou Reed. Das Orchester spielt Minimal-Music, immer und immer wieder. Der Bühnenraum ist kalt, die Symmetrie der Spitzendeckchen kaum merklich verrutscht. Aber alles funktioniert perfekt.

Es war einmal eine kanadische Tanztruppe, ein Geheimtipp, ein Off-Ereignis und das Beste, was man bis dahin je sah. Mit Video und Sound und Kraft und Energie, die Sprünge der Tänzerinnen eine Provokation, ihre Muskeln bester Punk. Sie hießen Lalala Human Steps und so heißen sie noch, nur dass man sie eben mittlerweile im Prinzregententheater beim Spitzentanz bestaunen kann. Noch immer sind sie anders, besser; und das ist irgendwie erschreckend.

Wir befinden uns im Jahr x nach der Avantgarde. Ja, es gibt noch Menschen, ja, sie bewegen sich auf einer sogenannten Bühne und ja, andere sehen ihnen dabei zu. Die Bewegungen sind jedoch von einer bedrückenden Präzision, nicht maschinell, das nicht, nur unmenschlich. Hier wird ein hochkomplexes System vorgeführt, bei dem es nur noch um den reibungslosen Ablauf geht. Die Scheinwerfer erhellen nicht die Szene, vielmehr sind es nun die Gestalten auf der Szene, die einen Platz im Scheinwerferlicht suchen. Außerhalb des künstlichen Lichts ist kein Sein. Und wenn die sich müde repetitierende Musik einen Moment lang aussetzt, klingt das Klappern und Schlurfen der Spitzenschuhe wie das Geflatter von Motten, die gegen Glühbirnen prallen.

Männer und Frauen, die gibt es auch noch in diesem System. Ihre Berührungen sind ein abgezirkeltes Hantieren, auch die Geschlechtszuschreibungen funktionieren: Die Männer haben die Hosen an, die Frauen sind unerotisch fast nackt. Einmal trägt auch eine der Frauen einen Anzug. Sie ist die stärkste von allen, darum muss das so sein. Die Sprünge, die Muskeln, die Kraft, der Aufbruch - erstarrt und auf die Spitze getrieben. Wir schauen uns aus großen Barbieaugen an. It's our world. Das geht noch lange so weiter. Wir klatschen begeistert Beifall.

(Gisela Müller)

Lalala Human Steps im Internet: www.lalalahumansteps.com


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