Münchner Biennale 2004
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Eindrücke vom 9. Internationalen Festival für neues Musiktheater in München.

biennale Drei Vorstellungen hatte ich mir vorgenommen und nach guten Kritiken für den Auftakt mit "Berenice" von Johannes Maria Staud bedauerte ich sehr, erst mit "Cantio" von Vykintas Baltakas, einzusteigen. Umso größer war die Erwartung.

Los ging es für mich also mit "Cantio". Einem Werk, das der Beschreibung zufolge "aus dem antiken Genre von Reden entwickelt ist, mit denen einst die Götter in eine Stadt oder aus ihr hinaus begleitet wurden (...)". In der Oper würde diese traditionelle Form in eine potenziell unendliche überführt ...- nun gut, ich hörte auf den Beipackzettel zu lesen, in dem noch etwas von "spiralförmigem Gesang" zu lesen ist und beschloß, erst mal zu hören, dann würde man schon sehen.

Es wurde bereits lustig bevor es anfing. Eine bunte Quietschbox voll kauziger Gesellen klapperte und rasselte auf der Bühne vor sich hin. Der Schrottwürfel, Heimstatt der Götter und Klipp-Klapp Spaßwürfelchen mit Platz für Schattenspiel und Räkeleien in Unterwäsche, sah aus, als hätten Dieter Roth und Jean Tinguely schlecht voneinander geträumt. Spontane Assoziationen an das Kindertheater der 80er Jahre stellt sich ein und man wußte, das sollte weiter heiter werden.

Alsbald entfaltete sich ein ziemlich geräuschbehafteter Aktionismus nach dem Motto viel hilft viel, der zunehmend Sehnsucht weckte nach den "apopemtischen Hymnen = Abschiedshymnen", die das Programmheft versprach. Ein paar Zeilen weiter lauerte jedoch das Erschrecken: "bei apopemtischen Hymnen wollen wir den Abschied so lange wie möglich hinauszögern". Oh Götter!

"Cantio" war also leider nichts. Wenngleich zu konstatieren ist, dass schön musiziert wurde und in den letzten 20 Minuten wirklich sehr schön gesungen, als es mit den spiralförmigen Gesängen endlich losging. Vor allem hörte das Gezappel auf. Die Akteure aus der Box traten dezent in den Hintergrund und überließen den Sängern die Szene. Die zeigten, dass die Musik auch ohne das ganze Theater Kraft entwickeln konnte.


Auch "22,13", eine Musiktheaterpassion in drei Teilen von Mark André, gibt sich in der Programmheftbeschreibung bewährt ambitioniert und kryptisch. Wie wir lesen, hat das Werk drei Teile: "...das O...", "...der Letzte...", und das "...Ende..." sowie zwei Kerne: Die Johannes Apokalypse und ein Schachspiel zwischen Großmeister und Computer. Vielleicht hätte ein Kern auch gereicht.

Auf der Bühne sang niemand. Dafür war das Publikum umzingelt von Musikern und Sängern, die Unverständliches in Mikrofone hauchten. Zugegeben Surround Sound wie man ihn im Kino nicht zu hören bekäme. Gepflegt und ein wenig nichtssagend. Was sich allerdings auf der Bühne abspielte war die Hölle der Langeweile in Posen. Ein kernloses Hin- und Hergeschiebe Passion markierender Figuren und Gruppen in Schlammfarben, oder auch gern mal nackig ohne Angst vor unfreiwilliger Peinlichkeit. Die einzige Passion an diesem Abend spielte im Zuschauerraum und das einigermaßen quälend.

Vor Beginn hatte der Dirigent noch geraten, man möge doch bitte das Handy ausschalten, da es schade wäre, wenn jemand anrufen würde. Am Schluß stellte ich fest, wie schade es gewesen ist, dass mich niemand angerufen hat.


shadowtimeMein Lust auf "Shadowtime", die letzte der diesjährigen Biennale Uraufführungen, tendierte umständebedingt gegen Null. Dann wurde doch noch fast alles wieder gut. Die Oper von Brian Ferneyhough präsentierte sich als kraftvolles musikalisches Ereignis in überzeugendem inszenatorischem Gewand. Ohne hyperaktive Mäzchen, ja eigentlich durch Verzicht auf jegliche dramatische äußere Handlungen gelang es dem Regisseur Frédéric Fisbach, Intellekt und persönliche Tragödie Walter Benjamins zu fesselnden Bildern zu formen, die sich erst im Kopf des Betrachters entfalten, dort fortwirken und Lust darauf machten, sich weiter mit Benjamin zu beschäftigen. Und mit der Oper selbst, die in ihrer musikalischen Komplexität beim ein- und erstmaligen Hören nur eine Ahnung ihres Reichtums hinterließ. Die raffiniert und überraschend montierten musikalischen Strukturen wurden von exzellenten Interpreten dargeboten. Es entstand akustischer Raum in dem sich die Benjaminsche Gedankenwelt assoziationsreich entfalten konnte. Warum das allerdings in englisch geschehen musste blieb unklar und verlagerte den möglichen Erkenntnisgewinn auf die Zeit des Textstudiums danach. Beim Studium der dankenswerterweise mitgelieferten Übersetzung wurde dann vieles deutlich.

Während der Info-Overload in "Shadowtime" dank der Kraft und Relevanz der Informationen Chancen hat, nach und nach verarbeitet zu werden, zeigt sich in der verquasten intellektualisierten Banalität der beiden anderen Produktionen eine Crux des zeitgenössischen Musiktheaters: Es wird für den Moment produziert, ohne Rücksicht auf Verluste. In einer unverhältnismäßigen Kraftanstrengung werden pseudointellektueller und musikalischer Aufwand übertrieben, ohne weiterreichende Relevanz (sprich: Aufbau eines zeitgenössischen Repertoires). Da nur für die Uraufführung produziert (das Nachspielen der Werke dürfte die absolute Ausnahme sein), scheint sich in erster Linie angestaute kreative Energie im einmaligen Ereignis entladen zu wollen - vor der kleinen eigenen Gemeinde der Eingeweihten, deren Jubelbekundungen matt bleiben und mir dennoch unerklärlich sind -. Koste es was es wolle. Und das ist ärgerlich, denn der künstlerische Ertrag steht in keinem Verhältnis zum betriebenen Aufwand. Vielleicht sollte man ein Gütesiegel für nachhaltiges Bewirtschaften des musiktheatralen Geländes einführen und ein Festival wie die Biennale daran messen.

(Horst Konietzny)

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