Avantgarde der Medienkunst: Robert Adrian X [1]

von Gisela Müller

Als im Golfkrieg I die ersten CNN-Bilder über die Fernsehschirme liefen und der Krieg ein Medienereignis wurde, konstatierte der Künstler Robert Adrian X: "Es sah so aus, als wären dies Kunstprojekte, die wir gemacht hatten, nur dazu da gewesen, diese ganze Telekommunikationstechnologie gut aussehen zu lassen. Ich war vollkommen schockiert."

Aus der Mitte der Gesellschaft

Robert Adrian X, 1935 in Toronto geboren, seit 1972 in Wien lebend, gilt als einer der Pioniere der Medienkunst. Sein Ansatz wies jedoch schon immer über das hinaus, was heute unter dem Label "Medienkunst" seinen Weg in den etablierten Kunstbetrieb fand und findet. Lange bevor das Internet seine Hype erlebte experimentierte Robert Adrian mit telekommunikativer Technologie, Fax, Computer-Timesharing, Slow-Scan-Video. Mit ARTEX und dem Artist's Electronic Exchange Program wurde auf Betreiben Adrians hin eine Art E-Mail-System entwickelt, mittels dessen von 1983 bis ca. 1990 eine Reihe von collaborativen Projekten durchgeführt und verbreitet werden konnten. "RAX [Robert Adrian X] künstlerische und theoretische Interventionen in den Sphären von Kunst und Medien gehen quer durch viele der 'neuen Medien' der letzten Jahrzehnte", schreibt Timothy Druckrey, freier Kurator und Autor.

Immer wieder kommen aber auch 'alte' Kunst-Medien zum Einsatz; nach der Malerei der frühen Jahre deren Auflösung in Wandskulpturen, Installationen, Objekten. Ende der 70er Jahre bastelt Adrian kleine Segelschiffe aus Styroporresten und lässt sie auf einem Teich in Wien und in der eigenen Badewanne schwimmen. Was zunächst als privater Zeitvertreib begann wird allmählich ein künstlerisches Statement. Es entsteht eine Fotoserie, die Segelschiffe laufen für einen Film vom Stapel. Am Ende wurden sie zur Biennale in Venedig in der Bucht von San Marco in die Freiheit entlassen. "Die Schiffe", so Adrian, "waren wirklich ein Wendepunkt, weil sie nicht selbst Kunstwerke, sondern Gegenstände von Kunstwerken waren ­ angesiedelt an der verschwommenen Grenze zwischen Kunst und allem anderen."

Zwiddeldum-Zwiddeldei

Gemäß des Prinzips des "cultural collaging" verfolgt Adrian einen völlig offenen Werkbegriff. Sein Werkstoff ist das vorgefundene kulturelle Material, Erinnerungen, Geschichten, Kunst-Geschichte und eben auch die zur Übertragung des Materials verwendeten Medien. Allen Arbeiten gemeinsam ist die darin enthaltene Kritik am 'Betriebssystem Kunst' und am modernen Kunst- und Künstlerbegriff. "I don't think that art is at an end. I don't think that people would stop painting or making objects but I don't think they're relevant anymore. You can't deal with the modern culture and modern culture problems by painting. You can make statements but you can't make meaningful arguments. One has to slide off into some other territory."

Dass die zeitgenössische Kunst sich nach ihrer Dekonstruktion durch die Konzept-, Performance- und HappeningkünstlerInnen der 60er und 70er Jahre nicht mehr auf eine Außenseiterposition berufen kann, auf eine (höhere) Warte außerhalb der Gesellschaft, veranschaulicht Adrian auch am Beispiel der eigenen Person. "24 Jobs" heißt eine Serie von Kleinplastiken aus dem Jahr 1979 ­ aus Knet geformte und gebrannte Darstellungen der 24 Jobs, die Robert Adrian ausgeübt hat, um als Künstler zu überleben.

Im Utopos der Netzwerke

Zur Emanzipation der Künstlerperson vom auferlegten Mythos tragen zudem die in den späteren Arbeiten verwendeten elektronischen Kommunikationsmedien bei. Nicht mehr ein künstlerisches Genie allein ist hier am Werk, sondern eine mehr oder weniger definierte Gruppe von interagierende Individuen. Von der Rezeption hin zur Partizipation. Zitat Adrian: "Die zwei Grundprinzipien für die künstlerische Arbeit mit Kommunikationstechnologien sind erstens, dass es notwendigerweise eine Gemeinschaftsarbeit und zweitens, dass der Standort des Werkes der Raum zwischen den Teilnehmenden ist."

Das Projekt "Die Welt in 24 Stunden" (Ars Electronica 1982) verband Künstler und Künstlerinnen aus 16 Städten in drei Kontinenten 24 Stunden lang über Computer und Fax. Ziel des Projekts war es, der Mittagssonne rund um die Erde zu folgen und dabei gewissermaßen eine telematische Weltkarte aufzuzeigen. Für damalige Verhältnisse ein ziemlich innovatives Setting. Deutlich wurde vor allem aber, dass das Netz kein statisches Medium ist (wie beispielsweise eine Leinwand), sondern dass es überhaupt erst in der aktiven Bespielung und Besetzung als Handlungsfeld entsteht ("when you turn on or off your computer"). Die Trennung von Prozess und Produkt, von Herstellung und Präsentation wird damit obsolet.

vs. Terrormaschinen

Die erste Adrian X Retrospektive in Österreich fand von Dezember 2001 bis Februar 2002 in der Kunsthalle Wien statt. "Green Light" heißt ein aktuelles Projekt, das dort zu sehen und als Kooperation mit dem Kunstradio des ORF auch über Radio zu hören war [2]. In der von 100 grell-grünen Neonröhren bestrahlten begehbaren Installation wurden Aufnahmen von Düsenjets mit den Geräuschen eines großen Raums voll Publikum überlagert - das Flugzeug als Sinnbild der doppelten Natur von Technologie mit ihrem zivilen und militärischen Verwendungspotential. Im sehr zu empfehlenden Katalog zur Ausstellung erläutert Barbara Schröder: "Green Light führt 'Medienkultur bar jedes narrativen und zeitlichen Ablaufs' (Adrian) vor. Die Verwendung von Soundmaterial aus unterschiedlichsten Zeiten und die Überlagerung geloopter Tonspuren provozieren ein Schwanken zwischen der Gegenwart und zeitloser Repräsentation ­ ein Spiel mit Verlust von Realität, das zugleich mit verfügbaren Sounds die Präsenz von Kriegs-Maschinen in der Gesellschaft untersucht."

Closing circuit: "For me, as for many artists working with electronic technology, the "Gulf War" was a traumatic shock. The war made it clear that the technology we were using was a part of the war machinery of the United States of America. We knew of course that "virtual reality", robotics, telecommunications (and the internet), were all products of military programs but when we saw the images from the cameras on the missiles destroying Bagdad it was no longer possible to pretend that it didn't matter - that it was only technology and that technology is neutral and value-free.

Up until February 1999, the victims of the United States and its satellites were in Asia, Central America, Africa or the Middle East but now the missiles are landing in Europe - a few hundred kilometers south of Vienna where I live. When Green Light was first conceived In 1993, it was a general statement about presence of these machines in our society ... now it is much more specific." [3]

 

[1] Homepgage Robert Adrian: http://www.t0.or.at/~radrian/BIO/
[2] GREEN LIGHT bei Kunstradio, http://www.kunstradio.at/2001B/09_12_01.html
[3] GREEN LIGHT, http://www.t0.or.at/~radrian/GREEN_LIGHT/index.html



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