actronics actronics - ADE 2004 München
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"Wir taten dies alles und mehr und wir werden es wieder tun." - 'PPP - Pretty Public Privacy', Bilderwerfer/Wien

Wie aber soll man etwas beschreiben, das sich ständig selbst beschreibt? Was könnte man über eine Performance - "Eine performative Echtzeit Installation", "Die BilderwerferInnen formen mit Ihren Körpern die zentrale Einheit einer Schnittstelle zwischen dem realen und virtuellen Geschehen." - was also sagen, das auch nur annähernd an das Gesehene und Gehörte und Erfahrene heranreicht? Problem der Vermittlung. Wer nicht da war ist selber schuld.

Echtzeit, so viel wird klar, spielt sich stets in verschiedenen Gegenwärtigkeiten ab. Realität kann niemals eindeutig sein. Wir sind, dank Internet und translokaler Vernetzung, zu mehrfachcodierten Kommunikationseinheiten mutiert. Vielleicht waren wir das aber auch schon immer - und haben es jetzt erst bemerkt. Mein Körper ist ein Hotel (geklautes Zitat), die PPP-PerformerInnen-Körper sind sechs-Stunden Hotels. Autobahnraststätten, Warteräume, Chatrooms, Datenhalden im World Wide Irgendwo. Niemand ist in diesen Körpern mehr zu Hause; nur vom Rauschen der Interferenzen bewohnt. Manchmal formt sich daraus ein Cluster, etwas Konkretes. Ein Lied, ein Tanz, ein guter Witz, ein Geständnis. Eine leise Sehnsucht. Nie eine Sentimentalität. Dass noch etwas zu retten wäre vom Wahren, Guten, Schönen. Nein. Die Welt ist ein Scheißhaus. Wie lächerlich. Man möchte weinen können. Und kann es nicht.

ppp 5 Performerinnen und Performer (Daniel Aschwanden, Irene Coticchio, Elisabeth Löffler, Conny Scheuer, Otmar Wagner), zwei davon im Rollstuhl (macht das einen Unterschied?), 1 Perfomer/Regisseur (Yosi Wanunu), Jungs an Computern (was tun sie da nur die ganze Zeit ..?). Mehrere Videoleinwände, Kabel, Bildschirme, Beamer, Mischpulte, Mikros, Lautsprecher, Sitzkissen, Masken, spärliche Requisiten und sowas wie Kostüm. Ein Abend wie eine offene Wunde - unter Layern von Sounds, Visuals, Texten, Stimmen, unter wiederum Layern von Bildern, Melodien, Déjà-Vu's, Irritationen. Weiter hinten gibt es, damit hier keine/r verhungert, Frühlingsröllchen zum selber basteln. Man könnte, wen man wollte, auch selber mittanzen und -singen. Man könnte. Wenn man wollte. ... ach ja. Man könnte sich eine Negermaske überstülpen und mit einer der behinderten Frauen ausgelassen breakdancen. Wenn man könnte. Wäre man nicht so eine feige Sau.

Einmal sitzt einer mit Schweinsmaske und hält sich einen Revolver an die Stirn. Er sitzt da ungefähr - stundenlang. Es ist etwas Unbedingtes in dieser Geste. Eine Notwendigkeit. Ein Theater, das sein muss, weil es nicht anders kann. Und weil es nicht weniger weit gehen kann als bis zu den eigenen (körperlichen) Grenzen - und den Grenzen in unseren Köpfen. Die Jungs an den Computern fischen übrigens Bilder aus dem Internet, und Chaträume aus dem Internet und kleine Filmchen und Texte und alles, was sich dort finden lässt zu einem Stichwort. So ein Stichwort führt eventuell zum nächsten Song, zu einem Talk über die Attraktivität von Osama Bin Laden (im Gegensatz zu einem Kamel), zu einem angeklebten Hitler-Bärtchen (und einem jüdischem Lied); politisch wunderbar unkorrekt. Denn eine Kunst, die im Rahmen des Korrekten und Zulässigen bliebe - das zeigen die Bilderwerfer in diesen 2 x 6 Stunden schamlos - wäre lediglich Illustration, Deko, Egobefriedigung, Wandverkleidung, und also überflüssig.

Einmal haben sich die PerformerInnen beleuchtete Modelleisenbahnhäuschen auf die Köpfe geschnallt. Sie bewegen sich zu einer ganz eigenartigen Musik. Auch am Boden stehen diese Häuschen. Es sind die Flusserschen Häuser, unsere Häuser: "Weil nämlich die Informationen, die ins Haus geliefert werden, durch materielle und/oder immaterielle Kanäle laufen, welche die Wände und Dächer durchlöchern. Es zieht im Haus von allen Seiten, die Orkane der Medien sausen hindurch, und es ist unbewohnbar geworden. Das Ungewöhnlichste am unbewohnbar gewordenen Haus ist die Tatsache, dass man darin nichts besitzen kann, weil alles Mobile (Möbel, etwa Stühle) und alles Immobile (Grund und Boden) aufgewirbelt werden, wo eine Trennung zwischen Öffentlich und Privat keinen Sinn mehr hat." - Pretty Public Privacy.

Einmal dreht sich einer der Performer im Kreis, dreht sich und dreht sich, und er hat eines dieser beleuchteten Häuschen auf dem Kopf, auf den Videoscreens wechseln die Bilder, aus den Lausprecherboxen plätschert eine Musik, und er dreht sich um die eigene Achse, kann gar nicht mehr aufhören damit, dreht sich und dreht sich, ab und zu wechselt er die Richtung und ist ja ganz leichtfüßig dabei, und ich denke, wenn nicht nur nur die Häuser, sondern auch unsere Körper unbewohnbar geworden sind, wenn sie für einen Augenblick leer stehen, völlig unbeschrieben sind, sich drehen und drehen im Orkan der Medien, und wenn man nun genau diesen Moment abpasste und hineinspränge in einen dieser unbesessenen, erfahrenen Körper, wenn es plötzlich wieder ein Ort würde, ein Un-Ort, einer, der nicht sein darf und trotzdem ist, ganz einfach. Eine Utopie.

(Und es wäre dann wirklich egal, ob wir behindert sind oder Freaks oder Negerinnen oder feige Schweinehunde. Oder diejenigen, die wir eigentlich sein könnten.)
pig

(gis)

PerformerInnen: Irene Coticchio, Elisabeth Löffler, Conny Scheuer, Daniel Aschwanden und Gäste: Otmar Wagner, u.a.
Koch: Andi Strauss
Choreographie/Regie: Daniel Aschwanden, Yosi Wanunu
Sounds & Live-Chats: Michael Strohmann
Visuals: Mathias Gmachl
Produktionsleitung: Gabrielle Cram, Claribel Koss

www.bilderwerfer.com, http://ppp.bilderwerfer.com



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