THEMA//13
[Illustration]Das aktuelle Magazin der //theatermaschine.
Ausgabe: Januar 2003
Hier stellen wir regelmäßig ausgesuchte Websites vor, geben Buchempfehlungen, informieren über interessante Medien- und Theater-Aktivitäten, etc. Alle bisherigen Ausgaben des Magazins im --Archiv!

Kommentar
Nicht nur ein Fall fürs Feuilleton
Burkhard Reitz beobachtet die Auswirkungen der Handy-Kommunikation auf unsere Schrift, Sprache und Erzählweisen.


"Von Vernetzten Spielräumen und der Inszenierung des Disparaten"
Vortrag im Rahmen des Symposiums "Future Theater" von Gisela Müller -
mehr im Bereich --Theorie


Multiple Story Environments/LOCATION BASED NARRATION
Gedanken zu einer neuen Erzählform von Horst Konietzny

Auf der Suche nach Anwendungen für die Möglichkeiten der UMTS Technologie spielen ortsbezogene Dienste eine große Rolle. In den so genannten Location Based Services hofft man eine der Anwendungen zu finden, die UMTS rentabel machen. Neben den kommerziell orientierten Anwendungsmöglichkeiten bietet die Satellitenortung aber auch die technischen Voraussetzungen zu einer neuartigen Kunstform: Der Gestaltung von ortsbezogenen Geschichten ... [zum vollständigen Text]


Legendäres Kunstmagazin jetzt als Netzarchiv
Aspen-Magazine (www.ubu.com/aspen)

Nur zehn Ausgaben erschienen jemals von dem legendären Kunstmagazin Aspen in der Zeit zwischen 1965 und 1971. Jetzt wurde das aufwendige Zeitdokument, das ursprünglich aus Schachteln voller Texthefte, Fotos, Schellacks und Super8-Filmen bestand, ebenso aufwendig und sorgfältig für das Web aufbereitet. Die Text-, Ton-, Bild- und Filmbeiträge stammen von Samuel Beckett, Roland Barthes, Marshall McLuhan, Duchamps, John Cage, Yoko Ono und John Lennon und den anderen 'Famous Few' der 60er und 70er Jahre.

Ausgedacht hatte sich das Konzept 1964 die Moderedakteurin Phyllis Johnson während eines Skiurlaubs im winterlichen Aspen. Sie wollte die Grenzen des Magazin-Formats sprengen, musste Aspen allerdings nach sechs Jahren aufgrund finanzieller Engpässe einstellen. Jetzt hat der kalifornische Buchhändler Andrew Stafford die löbliche Aufgabe übernommen, seinen kompletten Aspen-Satz zu digitalisieren und ins Netz zu stellen. Eine wahre Fundgrube für Fans der damaligen Avantgarde!


Performance-in-Progress
schneewittschen (www.schlampe.de/schneewittschen/)

'Schneewittschen und die sieben Zwärge' zappeln nun im Internet. Sieben kleine Browserlein, wer möchte auf mein Knöpfchen drücken, leise rieselt das Wittchen und der Prinz kommt wie im Western vorbeigaloppiert, yeah ... Online-Performance-in-Progress nennt sich das kleine neue schlampe-Projekt. Einfach mal reintrauen und -schauen!


[cover] Buchvorstellung I:

Interfictions. Vom Schreiben im Netz.
von Roberto Simanowski
Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 2002

"Interpretation ist die Rache des Intellekts an der Kunst" (Susan Sontag)
Der Satz mit dem Gespenst, das umgeht, ist wohl einer der meist paraphrasierten in der Gegenwartsgeschichte. Diesmal kommt das Gespenst direkt aus unseren Rechnermaschinen und nennt sich digitale Literatur. Es geistert, laut Roberto Simanowski, durch die Verlage und Bücherstuben, und durch so manches Geisteswissenschaftlerhirn. Eines davon gehört dem Verfasser selbst. "Interfictions", so der Titel des vorliegenden suhrkamp-Bandes "handelt nicht von Literatur, die ins Internet wandert und schließlich doch auf Papier enden will. Diese Buch handelt von 'Literatur', die im und aus dem Netz des digitalen Codes entsteht, die interaktiv und intermedial ist und die durch die verborgene Befehlssprache unter der Bildschirmoberfläche auf einem Alphabet der Inszenierung beruht, das sie undruckbar macht. Es geht um neue ästhetische Ausdrucksformen und deren 'literarisches' Feld."

Simanowski, der auch Gründer und Herausgeber des Online-Magazins dichtung-digital ist, wandert also seit Jahren durchs Internet und landet nun doch auf dem Papier. Und bei allem Verdienst, das er sich mit seiner unermüdlichen Recherche, Rezension und Vermittlung digitaler Literatur zuschreiben kann, scheint dieses Buch doch seltsam daneben: Irgendwo neben seinem Gegenstand in den Weiten der ästhetischen- und Literaturtheorie gelandet. Oder gar gestrandet? Als solle hier auf Biegen und Brechen etwas in den wissenschaftlichen Kanon hinein gepresst werden, was da hinein gar nicht will. Da wird die "Semantik des Links" behandelt und nach einer "Hermeneutik der Tiefeninformation" geforscht. Trotz der Flüchtigkeit und Prozesshaftigkeit digitaler Textkunst muss ein "Werk" behauptet werden, denn nur solche sind mit dem herkömmlichen Instrumentarium auch interpretierbar. Das Unabgeschlossene, Offene, Dynamische lässt keine abschließende Erkenntnis zu, und deshalb erfindet Roberto Simanowski, wenn es sein muss, seinen eigenen Schluss (zum Beispiel für eines der behandelten Mitschreibprojekte). In einem späteren Kapitel schreibt er dann allerdings: "Die Autor- und Werkfrage ist im Rahmen der digitalen Ästhetik zweifellos neu zu diskutieren." Zweifellos!

Später muss auch noch der HTML-Quellcode herhalten oder die Gemachtheit einer GIF-Animation. Man fragt sich allerdings nach der Angemessenheit einer solch philisterhaften Kritik, die nicht wirklich zu einer Aussage über das mit belehrter Akribie Zerfieselte hinausweist. Das ist dem Verfasser offenbar selbst bewusst. Immer wieder liefert er den Widerspruch zum eigenen Tun schon mit in Sätzen wie: "Die Not beginnt freilich damit, daß die normative Bestimmung von Kunst und ihre Unterscheidung von dem, was nicht Kunst ist, ohnehin in die Krise geraten ist." Oder: "Die Geisteswissenschaft steht in der Pflicht theoriebildender Beobachtung, die angesichts der technischen und interdisziplinären Konstitution des Gegenstands zugleich eine Selbstreformierung verlangt."

Letztendlich spiegelt "Interfictions" also nur das Glatteis wieder, auf dem sich die Wissenschaft derzeit im Hinblick auf digitale Kunst bewegt. Es wäre wünschenswert, wenn die Expertise von Leuten wie Simanowski sich nicht nur im Pflichtlaufen und Geisterbeschwören beweisen, sondern er seine eigene Forderung einlösen würde, nämlich auch "ganz pragmatisch nach neuen Beschreibungsmethoden zu suchen".

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Roberto Simanowski:
Interfictions. Vom Schreiben im Netz.
ISBN 3-518-122247-9
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Buchvorstellung II:

Die Architektur der Intelligenz.
Wie die Vernetzung der Welt unsere Wahrnehmung verändert.

von Derrick de Kerckhove
Birkhäuser Verlag, Basel 2002

Koordinaten des Cyberspace
[cover] In 81 kurzen Kapiteln liefert Derrick de Kerckhove, Direktor des McLuhan Instituts und Professor an der Universität Toronto, eine fundierte Verortung des Raums, den er Cyberspace nennt. Er zeichnet diesen Raum durch eine "Architektur der Intelligenz" aus, die gleichzeitig eine Architektur der Vernetzung sei, "gemeint ist die Architektur, die die physische und mentale Verknüpfung von Körper und Denken zwischen vielen Menschen unterstützt". Unsere kognitive Umgebung, so der Kerckhove, wird durch elektronische Medien permanent bedrängt und sogar schon strukturell verändert. Denn Wahrnehmung ist sowohl von kulturellen Vorgaben als auch der verfügbaren Technik abhängig. Wie das Nervensystem beim Menschen läge der Cyberspace = das vernetzte Denken unter der kulturellen Haut. Und so wie die herkömmliche "feste" Architektur das Kommen und Gehen von Körpern reguliert und erleichtert, erleichtere Vernetzungsarchitektur durch den kombinierten Gebrauch von Software und Hardware das gedankliche freie Zusammenkommen und Auseinandergehen von Menschen.

Das dünne Bändchen bietet einen umfassenden Einblick in die verschiedenen Aspekte digitaler Vernetzung. Folgt man de Kerckhove entstehen hier wirklich neue Räume und veränderte räumliche Möglichkeiten. Daher empfehlenswert für alle, die sich mit Fragen des Raums jenseits konventioneller 3D-Nachbildungen beschäftigen. Denn es geht nicht darum, bereits Existentes nachzubilden oder zu ersetzen, sondern um dessen Erweiterung.

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Derrick de Kerckhove:
Die Architektur der Intelligenz.
ISBN 3764364882
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(THEMA//13_Januar 2003)