THEMA//05
[Buchcover]Die aktuelle Version des Netrobots von //theatermaschine.
Hier stellen wir regelmäßig ausgesuchte Websites vor, geben Buchempfehlungen, informieren über interessante Medien- und Theater-Aktivitäten, etc..


Buch- und CD-Tip:

Medien Kunst Aktion
Die 60er und 70er Jahre in Deutschland

Medien Kunst Interaktion
Die 80er und 90er Jahre in Deutschland

Ein "historisches Bewußtsein" über das, was heute unter den Begriff Medienkunst fällt, wollen Rudolf Frieling und Dieter Daniels, die Herausgeber der Publikationen "Medien Kunst Aktion" und "Medien Kunst Interaktion" schaffen. Beide Bände wurden in Coproduktion mit dem Goethe-Instituts vom ZKM, Zentrum für Medientechnologie Karlsruhe beim Springer Verlag, Wien verlegt und bieten einen breiten Überblick über Medien- und Kunstaktionen in Deutschland von den 60er bis zu den 90er Jahren. Die theoretischen Aufsätze und Themeneinführungen der Herausgeber sowie Texte von Künstlerinnen und Künstlern werden veranschaulicht und bereichert durch jeweils eine, dem Buch beigelegte CD-ROM mit Bild- und Tonaufnahmen zur Dokumentation von über 300 Einzelwerken. Die Begriffe Medien, Kunst und Aktion, bzw. Interaktion sollen sich dabei gegenseitig ergänzen und durchaus auch als für sich selbst stehende Begriffe verstanden werden.

So reicht denn auch die Bandbreite des aufbereiteten Materials von Fluxus über die frühe experimentelle Klangkunst und Anfänge der Videokunst bis zur Verbreitung digitaler Technologien und der sogenannten net.art. Vielleicht überraschend in der Rückschau mag die zentrale Rolle Deutschlands als Knoten- und Treffpunkt erscheinen. In Darmstadt trafen sich Ende der 50er und Anfang der 60er Jahre John Cage, Karlheinz Stockhausen, Nam June Paik bei den "Internationalen Ferienkursen für Neue Musik". Die Geburtsstunde der Videokunst wird in Wuppertal verortet, wo der Koreaner Paik 1963 eine erste, damals noch weitgehend unbeachtete Ausstellung mit modifizierten Fernsehgeräten präsentierte. Im Jahr zuvor nahm in Wiesbaden die Fluxus-Bewegung ihren Anfang, George Macunias, später Wolf Vostell sind hier zu nennen, neben Amerikanern und Deutschen stießen bald auch Kunstaktivisten aus Frankreich, Holland, Skandinavien und Japan zu Fluxus.

Dass die Geschichte der Medienkunst gleichzeitig Technikgeschichte schreibt, wird am Beispiel der Videokunst deutlich, maßgebliches waren hier die 70er Jahre und die 1977 von Wulf Herzogenrath kuratierte "Mediendocumenta". Die Ablösung des Fernsehers als Medium des Experiments und der Utopie durch das Videotape vollzog sich allmählich und von kritischer Reflexion begleitet, wie die Arbeiten von Peter Weibel oder Valie Export dokumentieren.

Gesellschaftskritik und politischer Impetus kennzeichnen fast alle, in den vorliegenden Bänden gesammelten theoretischen Schriften, Manifeste, Projektbeschreibungen bis in die 80er Jahre. Beuys fehlt ebensowenig wie das Performance-Paar Marina Abramovic / Ulay oder die Künstlerinnen Joan Jonas, Charlotte Moorman, Carolee Schneemann und Ulrike Rosenbach. Letztere besetzten als Pionierinnen der Videokunst das Medium mit deutlich feministischen Strategien. Körper, Kontrolle, (Video-) Überwachung waren immer wieder Themen der Auseinandersetzung und Aktion.

Die Grenzen zwischen Aktion, Performance, Happening verlaufen fließend, wie überhaupt die Kunst ins fließen geraten, prozesshaft geworden war und sich dieser Prozesshaftigkeit ständig vergewisserte. Kunst als Live-Ereignis, als nicht reproduzierbares, einmaliges Geschehen passte nicht länger in die traditionellen Institutionen der Kunstbewahrung. Musealität und Integration wurden kontakariert von "prozeßhafter Intensität, die sich gegenüber jeglicher Tendenz zur Vermarktung sperrt".

Mit den 90ern scheinen jedoch diese Intensität und die vormalige Aktionskraft, die sich gerade aus der Verlusterfahrung ganzheitlicher Utopien nährte, allmählich abhanden zu kommen. Zunehmende Subjektivierung und zur Schaustellung des Privaten geht mit einer vergleichsweise erschütternden Harmlosigkeit in der Medienkunst einher. Mit dem Einzug des Internets in deutschen Haushalten und der Bildung von Netz Communities sind zwar Hoffnungen auf neue, offene und demokratische Diskursformen verbunden, aber dieser Repolitisierung kann vor dem Hintegrund der New Economy und gesteigerten Kommerzialisierung der Netze als gescheitert erklärt werden. Allenfalls die sog. Low-Tech und Do-it-youself (DIY) Bewegungen konnten sich als subversive Strategien, jedoch auch "ohne Anspruch auf Reichweite" behaupten.

Was bereits Ende des letzten Jahrhunderts begann - und hier endet die in den vorliegenden Bänden gelungen erbrachte Bestandsaufnahme - hat sich tendenziell fortgesetzt: Eine rege Festivalkultur mit Symposiums-Pflichtprogramm sowie zahlreiche Publikationen tragen zur Rezeption und Verwissenschaftlichung medialer Kunstwerke und -aktionen bei. Künstlerinnen und Künstler drängen zurück in die "alten" Institutionen, die Medienkunst findet ihren Platz im Establishment und beginnt als solche verkaufbar zu werden. "Wie in einem langen Gärungsprozess scheint traditionelles Museumsterrain endlich reif für mediale Aktivitäten", schreibt Frieling.
Ob die mediale Kunst ihrerseits nicht schon überreif und faulig geworden ist bleibt abschließend zu fragen. Und: Was kommt nach dem Hype der Medienkunst?

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Die Jury hat entschieden
webscene - Wettbewerb für Theater und Internet
http://www.spielart.org/


Die Preisträger des Wettbewerbs 'webscene' stehen fest: Das deutsch-englische Künstlerkollektiv Gob Squad mit "Missing" erhält den mit 15.000,- DM dotierten Stadtforums-Preis, und Kerstin Evert, Regina Wenig und Michael Wolters wurden für ihr Konzept des Internet-Roadmovies "FLUCHTEN!" für den vom Medienforum München gestifteten Preis von DM 10.000,- ausgewählt. Realisiert werden beide Projekte voraussichtlich in Zusammenarbeit mit dem Ars Electronica Center / Linz und dem Medienforum München. Eine erste Preview von "Missing" soll beim kommenden Ars Electronica Festival im September zu sehen sein. Die endgültige Version dieser "Internet Performance" präsentiert im November 2001 das Festival SPIELART in München.

Insgesamt waren knapp über 50 Einsendungen beim Initiator des Wettbewerbs, SPIELART, eingegangen. Die Bandbreite der Teilnehmerinnen und Teilnehmer reichte von Nürnberg bis Tokyo, Theaterleute, Performancekünstler, Video- und Internetspezialisten, aber auch zahlreiche Gruppen, die sich nicht auf einen Bereich festlegen lassen, sondern explizit grenz- und genreübergreifend arbeiten.

Über die Gewinner und ihre Projekte berichten wir im nächsten THEMA// ausführlicher.


(THEMA//05_Mai2001)