THEMA//04
[Illustration]Die aktuelle Version des Netrobots von //theatermaschine.
Hier stellen wir regelmäßig ausgesuchte Websites vor, geben Buchempfehlungen, informieren über interessante Medien- und Theater-Aktivitäten, etc..


URL-Review

http://www.desktoptheater.org/
Online Straßentheater

Das Netz als Straße, als öffentlichen Raum, begreifen Adriene Jenik und Lisa Brenneis. Unter dem Label Desktop Theater sind die Medienkünstlerin Jenik und die Autorin und Filmproduzentin Brenneis seit mehreren Jahren aktiv. So hatte 1997 "Waiting for Godot.com" in einem öffentlichen Chatroom Premiere. In dieser 'Vorstellung' tauchte Godot tatsächlich in Form des Chatroom Teilnehmers Muscleman auf. In einer anderen Performance spielten Jenik und Brenneis AlGore und geeBush und warben in Chats um Wählerstimmen. Im Vorfeld dieser Aktion sammelten sie tatsächlich gehaltene Reden der Präsidentschaftskandidaten und bereiteten sie als Textbausteine zur Verwendung in den Chatrooms auf.

Die Website von Desktop Theater informiert über vergangene Performances und Projekte und in der Rubrik "How-To" werden User aufgefordert, selber Theater vom Schreibtisch aus zu spielen.


http://www.virtopera.de
virtopera

Großangelegtes Gemeinschaftsprojekt von Eberhard Schoener mit BMG und der Firma NoDNA, u.a..

In seiner fünften Oper, virtopera, stellte der Münchner Komponist und Dirigent Eberhard Schoener die Komposition nicht nur ins Internet, sondern das Internet selbst sollte eine Hauptrolle spielen. So hatte während des Entstehungsprozesses auch der User die Möglichkeit, vorgegebene Raster mit seinen Anregungen füllen.

Protagonist der Oper ist der virtuelle Charakter Cold Genius. Cold Genius ist keine Computeranimation, er kann auch in 'real time' auftreten. Dies wird möglich durch eine Technik der Firma NoDna, durch Sensoren, Bewegungen und Mimik von Menschen auf virtuelle Figuren zu übertragen. Dadurch kann diese Figur direkt reagieren und braucht kein vorangelegtes Konzept.

Idee von virtopera war es, den globalen Internet-Raum mit lokalem Echtraum zu verbinden. So fanden im Zeitraum vom 8. Oktober 2000 bis zum 12. Januar 2001 an vier Orten Live-Events statt: in Mantua (Italien), Salvador (Brasilien), Kalkutta (Indien) und Köln (Deutschland). Jeder Besuch des Cold Genius in der realen Welt wurde im zeitgleich Internet aufgeführt. Und wer die nötige Rechenkapazität und alle erforderlichen PlugIns besitzt kann sich zahlreiche Video- und Soundclips auf der Website von virtopera anschauen.

Das ganze Projekt ist eher als Show Off technischer Möglichkeiten zu betrachten, inhaltlich erscheint virtopera eher etwas mager. Oder wie es auf der Homepage formuliert wird:

"Worum geht es?
Geht es um Information oder Erkenntnis?
Geht es um Konsum oder Kreativität?
Geht es um Isolation oder Kommunikation?
Auf alle Fälle geht es um das Internet!"


http://www.schauspielhaus.de/
Deutsches Schauspielhaus in Hamburg

Eines nach dem anderen, entdecken nun auch die Theater hierzulande das Internet. Allen voran das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg, das nun das WWW zur fünften Bühne erklärt hat. Die zugehörige Website wurde von der Agentur n.a.s.a.2.0 konzipiert und gestaltet. Dem User 'flasht' ein animiertes Intro mit Sound entgegen und klickt man weiter, bleibt es schick und in Bewegung.

Was hat die fünfte, virtuelle Spielstätte nun zu bieten? Das Foto des Tages, Rundgänge durch das Haus als Videos. Die WWW-Slums sind ebenfalls Video-Aufzeichnungen von Vorstellungen, die von Oktober bis Dezember 2000 in einem der Foyers des Theaters stattgefunden haben. Seit Februar 2001 neu der Kettenbriefroman, und der funktioniert so: "Der Autor Till Müller-Klug schreibt den Anfang einer Geschichte. Dieser wird an einen Autor geschickt, der den Roman weiterentwickelt und ihn dann wiederum an den nächsten Autor schickt. Die Besucher der 5ten Spielstätte können den Roman in allen Teilen seiner Entstehungsgeschichte lesen und verfolgen."

Wirklich innovative Inhalte können die Hamburger zwar noch nicht aufweisen, das prinzipielle Interesse und der Wille zum Experiment können aber nur positiv bewertet werden.


http://www.volksbuehne-berlin.de/
Volksbühne Berlin

Auch die Volksbühne Berlin zeigt sich aufgeschlossen für das nicht mehr ganz so neue Medium Internet und bietet 'volksnah' eine High- und eine Lowtech-Version ihrer Website. Im Internet selber sind derzeit zwar noch nicht viel mehr als allgemeine Infos und der Spielplan abzurufen, die Theatermacher am Rosa-Luxemburg-Platz erscheinen jedoch sehr interessiert an der Auseinandersetzung mit aktuellen Themen, Techniken und Diskursen (siehe auch http://www.volksbuehne-ost.de, den sog. Dramaturgiecontainer).

Von hier aus landet man auch bald auf der Homepage von Christoph Schlingensief, http://www.schlingensief.com, bei dessen Aktionen auch das Internet stets eine - zumindest zeitnah informierende - Rolle spielt.

Im Gegensatz zur Site des Hamburger Schauspielhauses präsentiert sich die Volksbühne, was Layout und Gestaltung betrifft, im gewohnt proletarischer Attitude. Wer jedoch nicht mit sämtlichen neuesten Browser PlugIns und Highspeed-Internetzugang gesegnet ist, wird dies zu schätzen wissen.


(THEMA//04_März2001)