Der Apfel ist eine Tomate TM

Die Oper HEPTAMERON bei der Münchener Musikbiennale

Die 8. Münchener Biennale kündigt sich als Pleonasmus an: "Oper als virtuelle Realität", so das Motto des diesjährigen Internationalen Festivals für neues Musiktheater. Der neuen Musik werden nun also auch die neuen Medien zur Seite gestellt. So viel vermeintlich Neues macht naturgemäß neugierig. Zum Beispiel auf HEPTAMERON (Musik und Gesamtkonzept: Gerhard E. Winkler, Regie: Alexander Löblein, Bühne / Visuelle Medien: Lawrence Wallen).

Neu an dieser Oper ist ihre Interaktivität. Verstand man bisher Interaktivität gemeinhin als die Möglichkeit des Zu- und Eingriffs durch die User, bleibt bei HEPTAMERON das Publikum außen vor. Vielmehr interagieren hier Sänger, Tänzer, Musiker auf einer Basis von hochkomplexen Algorithmen. Die Bewegungen der Akteure entscheiden über das, was die drei Musiker auf Akkordeon, Saxophon und Viola intonieren. Auch das Bühnenbild (virtuell!) wird durch verschiedene Sensoren an den Körpern der Darsteller und Darstellerinnen sowie an einzelnen Requisiten gesteuert. Drei riesige Videoscreens informieren über die jeweilige Sensortätigkeit. Jeder Sensor ist mit einem Icon gekennzeichnet und im Verlauf der 70 Minuten Spielzeit, erkennt man sie dann auch an ihren Namen: "BigEye" , "GForce Sensor", "Radio Baton" oder "Makrokratztisch".

Die Interaktivität der Zuschauer - wenn sie denn überhaupt in diesem Setting eine Rolle spielt - besteht in erster Linie darin, das Stück in seiner technischen "Gemachtheit" zu durchschauen. Was allerdings bis zum abrupten Ende nicht gelingt. Man müsste schon mehrmals dabei sein, denn "Die Szenen werden quasi durcheinandergewirbelt, Fragmente schließen sich aneinander an, ein Algorithmus bestimmt, in welcher Reihenfolge dies geschieht" (Zitat der Komponist). Jede Aufführung verläuft daher anders und man könnte nie mit Sicherheit sagen, ob etwas Zufall oder Absicht wäre.

Das einzige Identifikationsangebot, das HEPTAMERON seinem Publikum bietet sind die in endloser Wiederholung auftauchenden Piktogramm-Männchen auf den Videowänden. Gesichts- und geschlechtslose Wesen, deren kopiertes Dasein sich im Verbund mit Wohnwagen, Igluzelten und Bushaltestellen generiert. Was wollen uns die Künstler damit sagen?

Eine solche Frage sollte bei aller Innovations-Euphorie hin und wieder erlaubt sein. Allein der technologische Show-Off kann es doch nicht gewesen sein. Damit stünde HEPTAMERON jedoch nicht allein. Aufwändigste Elektrotechnik bei gleichzeitiger Inhaltsleere ist bedauerlicherweise das Kennzeichnen allzu vieler aktueller Produktionen und Projekte im Medien-Kunst-Milieu.

Damit an dieser Stelle kein falscher Eindruck entsteht: Es geht nicht darum, konventionelle Erzählweisen und erprobte Bühnenmittel zurück zu zitieren. Vielmehr wäre es allmählich an der Zeit, nicht länger nur Oberflächen zu gestalten, sondern auch wieder Räume zu schaffen. Erzählräume, Freiräume, Handlungsräume.
Interaktivität und Nicht-Linearität in rein ästhetische Konzepte zu fassen, hieße dreißig und mehr Jahre (Medien-)Kunstgeschichte auszublenden. Das Virtuelle als das Neue einer Kunstform zu bezeichnen, die seit der Antike nichts als virtuelle Räume, nämlich Möglichkeitsräume, geschaffen hat, ließe das Theater ziemlich arm, - oder unmißverständlicher - armseelig aussehen.

Denn arm ist das Digital-Theater des HEPTAMERON keineswegs. Eineinhalb Jahre Entwicklungzeit in enger Zusammenarbeit mit dem ZKM Karlsruhe liegen vor der Premiere. Sämtliche Softwarekomponenten mussten eigens programmiert werden. Allein die Entwicklung der Sensoren und des kabellosen Datentransfers während der Aufführung dürften mit enormen Aufwand verbunden gewesen sein. Das Ergebnis mutet in gewisser Weise auch sehr aufwändig, sehr barock an. Eine Überfülle an Tönen, Klängen, Geräuschen, an audiovisuellen Informationen. Selbst die Akteure in ihren hochstilisierten Kunstleder-Kostümen scheinen von einer dichten Schicht aus Codes überlagert; jede Geste ein Fundstück aus der Datenbank.

Alles in dieser Bühnenrealität ist synthetisch. Die Menschen karikierte Klone ihrer selbst. Sollte das etwa die Aussage von HEPTAMERON sein? Eine Welt zu zeigen (unsere?), in der die Äpfel sexueller Verführung zu Plastiktomaten mit Trademark mutiert sind, eine Welt, in der statt Blut unsichtbar Daten fließen und Sperma gefriergetrocknet aus dem Dosierspender kommt? Eine Welt auch, in der man sich plötzlich wieder an der Spannung freut, die in einem Moment der Stille entsteht.

Das wäre wohl des interpretatorischen Goodwill zu viel. Was bleibt ist ein rein ästhetisch begründetes Musiktheater. Das politische Movens, das einmal die Medienkunst eingeleitet hatte ist passé. Dem Begriff der Interaktivität wird seine demokratischer Anspruch entzogen. Das Disparate, Nicht-lineare wird zur Systemimmanenz erhoben und ist nicht länger als Widerspruch, als Kritik am System erfahrbar. Jedes Bruchstück zeigt sich bereits zusammengesetzt, jedes Fragment bereits defragmentiert. Die von Winkler beschworene Prozesshaftigkeit können nur die erleben, die sich innerhalb des Systems befinden und mitspielen. Die Regeln dieses Spiels, sprich die Algorithmen, sind jedoch vorprogrammiert; die offene Bühne Camouflage. Denn eigentlich ist dies der klassische Guckkasten und wir sitzen zu Kunstkonsumenten degradiert davor und dazu, weiterhin blöd zu glotzen.

--> [zurück]