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... HEIMATMUSEUM, Exponat Nr. 1 (10. November 2000)

Nr.1 Über die Unbeschriebenheit: mit diesem ersten Satz hinweggesprungen, mit nackten Füßen, mittenhinein ins Museum, wo gerade noch kahle Wände leere Vitrinen anstarrten, wo, noch bevor das erste Wort gesagt wurde, Stille residierte. Werfe ich eine Handvoll Erde auf weißen Grund, "so'n Dreck" könnte die Putzfrau meinen, "Geschichte" die Geologen, "Geschichten", meine ich. Dies ist das erste Exponat, gestiftet aus dem Privatbesitz von schlampe. Ein Muster.

Ein Muster also, krame ich in der Kleiderkammer. Und welches nehmen? Welches würde denn in ein Heimatmuseum passen? Die weiss-blau-karrierte Tischdecke, frisch gewaschen auf das nächste Biergartenwetter wartend, auf Frühling. Oder nie mehr getragene selbstgestrickte Pullis, zu Schulzeiten gehäkelte Topflappen, aus Sentimentalitätsgründen archiviert. Überhaupt, Stick-, Strick und Schnittmuster, und nun bin ich schon tief drin in der Kammer, Tapetenmuster aus Vor-Vor-Vormieter-Zeiten. Ich krieche rückwärts durch die Wohnung, Teppichmuster, PVC-Muster im Bad und die Kacheln an den Wänden, die mich an Prilblumen erinnern, womit ich bereits in der Küche Kalkmuster begutachte und Sesam auf frischem Brot. Nahperspektive suchend, so wie man sich irgendwann die Digitalkamera leistet, dem kleinsten Pixel auf der Spur, oder das in Kindheitstagen versagte Mikroskop, das eigene Blut im Visier, das Pigmentmuster der eigenen Haut. Oder Teleskop, Zoom auf Sternenmuster, die erste Therapie, Traumstrukturen erforschend. Verhaltensmuster, Denkschemata.

Und natürlich suche ich nach Unregelmäßigkeiten, den schief geknüpften Knoten, aus den Fugen geratenen Verbindungen, falsch verbundenen Anrufen, die in die Cincinettistraße führen oder ins Hochspannungsamt. Dorthin, wo man noch nie gewesen ist und, wäre nicht dieser dumme Lapsus passiert, man nie hingekommmen sein könnte. Wollte man das persönliche Lebensraster mit dem, was eigentlich möglich wäre, in Deckungsgleichheit bringen.


Und schließlich entscheide ich mich für weiß. Einfach weiß. Weiß, weil es so viel verspricht und so wenig verrät. Weil es so ehrlich ist, so verführerisch und nie so bleibt. Weiß wie Blatt Papier, wie Badewanne, Tempotaschentuch, Taufkleid, Schnee. Schnee, auf den meine Handvoll Erde fällt, leere Museumswände, die sich allmählich füllen.

Ein Muster aus weißen Fraktalen.

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chlampe an alle